Framing in der Corona-Krise

Von: Fei Pei

Offensichtlich sollten Berichte immer objektiv und neutral sein. Solange Berichte allerdings von Menschen produziert werden, haben sie unweigerlich eine gewisse subjektive Färbung. Es ist unmöglich, dass in den Berichten alle tatsächlichen Situationen im Detail beschrieben werden. Journalisten und Redakteure müssen daher eine Perspektive aussuchen, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Das heißt, wenn Journalisten und Redakteure einen bestimmten Aspekt intensiver betrachten, haben sie wahrscheinlich ihre Position bereits festgelegt.

Am 8. März wurden die folgenden zwei Tweets der „New York Times“ mit einem Abstand von 20 Minuten voneinander veröffentlicht. Dies ist eine anschauliche Darstellung am Beispiel der New York Times zum Thema Framing


Abbildung 2-Twitter: The New York Times

Die Beiden Tweets handeln davon, dass Städte gesperrt werden. Der erste Tweet stellt die chinesische Regierung gegen das Volk und betont, dass die chinesische Regierung die Freiheit und die Menschenrechte des Volkes geopfert hat. Der zweite Tweet betont dagegen, dass die italienische Regierung und das Volk gemeinsame Anstrengen unternehmen, damit das Virus sich nicht weiter ausbreitet. 

Die Bilder sind auch sehr interessant. Das erste Tweet-Bild zeigt einen verwirrten chinesischen Straßenhändler und das zweite Tweet-Bild zeigt den großartigen aber leeren Domplatz. Ein solches Bild ermöglicht es den Menschen, schnell in die Emotion einzutreten, mit dem elenden chinesischen Volk zu sympathisieren, die mächtige chinesische Regierung zu verschmähen, sowie gleichzeitig der mutigen italienischen Regierung und dem italienischen Volk zu danken. Infolgedessen wird die chinesische Regierung zu einem Tyrannen, der das Volk unterdrückt, während die italienische Regierung zu einem Helden wird.

Die Wirklichkeit ist, dass Ausgangssperren, unabhängig davon, ob sie in China, Italien oder einem anderen Land der Welt erlassen werden, immer zwei Seiten haben: Einerseits kann durch sie die Ausbreitung des Virus verzögert werden. Andererseits schränken sie die Freiheit der Menschen ein und beeinträchtigen die wirtschaftliche Entwicklung. Interessanterweise ist die Perspektive, die die New York Times bei den Ausgangssperren in verschiedenen Länder hervorgehoben hat, völlig unterschiedlich.

Framing in der Corona-Krise wirkt sich nicht nur auf den Eindruck des Publikums von Regierungen sondern auch das Schicksal der gewöhnlichen Menschen aus.

Am 17. März erklärte US-Präsident Donald Trump auf Twitter, dass die USA von der Pandemie betroffene Industrien unterstützen werden. Dabei wurde das Coronavirus als „Chinese Virus“ bezeichnet:

„The United States will be powerfully supporting those industries, like Airlines and others, that are particularly affected by the Chinese Virus. We will be stronger than ever before!“ (Twitter: Donald J. Trump, 16.03.2020)

Am 20. März kritisierte die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton:
„The president is turning to racist rhetoric to distract from his failures to take the coronavirus seriously early on, make tests widely available, and adequately prepare the country for a period of crisis. Don’t fall for it. Don’t let your friends and family fall for it!“ (Twitter: Hillary Clinton, 18.03.2020)

Diese Opposition konnte jedoch den Lauf der Dinge nicht ändern.

Am 24. März gab Trump bekannt, dass er diesen Begriff nicht mehr verwenden werde. Aber die Begriffe „Chinese Virus“ und „Kung Flu“ wurden jedoch immer noch häufig in sozialen Medien und in anderen öffentlichen Aussagen verwendet.

In den USA stehen 2020 Wahlen an. Da das amerikanische Volk an der Pandemie leidet, wird nach einem emotionalen Ventil gesucht. Um zu verhindern, dass diese negative Emotion auf ihn selbst übergeht, versucht Trump einen Sündenbock zu finden. China ist eine ausgezeichnete Wahl. Nur durch die Übertragung innerstaatlicher Konflikte ins Ausland können sich seine Wähler wieder vereinen. Aber Trump ignoriert, dass die USA ein Einwanderungsland sind und asiatische Amerikaner auch Amerikaner sind.

Die STOP AAPI HATE-Datenbank enthält Berichte über Diskriminierung im Zusammenhang mit dem Coronavirus aus 45 Bundesstaaten. Diese Vorfälle betrafen eine Vielzahl von Arten, von denen verbale Belästigung am häufigsten war. Stoßen, Körperverletzung, Diskriminierung am Arbeitsplatz usw. werden alle in der Datenbank behandelt. (Vgl. STOP AAPI HATE 2020) Einige Vorfälle haben sogar den Standard von Verbrechen erreicht. 

In Texas wurde eine asiatische Familie in einem Supermarkt mit einem Messer erstochen, darunter zwei Kinder im Alter von 2 und 6 Jahren. (Vgl. Ramirez 2020)

Der FBI-Bericht der American Broadcasting Corporation (ABC) zu dem Vorfall besagte, dass der Verdächtige als Grund angab, geglaubt zu haben, sie waren Chinesen, die das Coronavirus auf andere übertragen haben. Tatsächlich war die angegriffene Familie südasiatisch.

Der 49-jährige chinesischstämmige Amerikaner Donghui Zang organisierte eine Gemeindepatrouille in Queens, New York. Die WeChat-Gruppe der Patrouille bestand aus mehr als 200 Mitgliedern. Sie fuhren abwechselnd durch die Gemeinde und meldeten verdächtiges Verhalten der Polizei. Gegenwärtig verteidigt sich das Patrouillenteam mit Baseballschlägern, aber Zang hofft, dass sie in Zukunft mit Waffen patrouillieren können. Mehr als ein Dutzend Mitglieder des Patrouillenteams, darunter er, haben kürzlich eine Lizenz zum Kauf von Schusswaffen beantragt.

Ist dies jedoch wirklich eine effektive Lösung?

Wie wir alle wissen, hat das Virus keine Nationalität. Egal wo es zuerst ausbrach, dieser Ort ist nur das erste Opfer. Aber der Name „Chinese Virus“ hat dazu geführt, dass die Welt China, Chinesen und die chinesische Lebensweise missversteht. Viele denken sogar, dass das Coronavirus auftrat, weil die Chinesen Fledermäuse essen. Aber ich habe mehr als 20 Jahren in China gelebt und nie jemanden gesehen oder von jemanden gehört, der Fledermäuse isst. 

Sie fragen sich vielleicht, wie eine Lösung für dieses Problem aussehen könnte. Meine Antwort ist, dass versucht werden sollte, das „Framing“ zu brechen. Es sollte versucht werden eine andere Perspektive einzunehmen, zu debattieren und die Welt außerhalb eines bestimmten Rahmens zu sehen.

Traurigerweise gelingt dies nicht immer. Manchmal nehmen wir eine Perspektive nur unbewusst ein. Wenn Sie beispielweise gerade diesen Essay lesen, können Sie mich insgeheim auslachen und der Meinung sein, dass ich ebenfalls eine Person bin, die in einem Rahmen gefangen ist und versucht, andere mit diesem Rahmen zu fangen.

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