Yes You Can! Klimabewusstes Handeln durch Selbstwirksamkeit

von Janine Flake

Ein Eisbär abgebildet in einer weiten, öden Landschaft. Dies wäre erst einmal nichts
Ungewöhnliches, jedoch fehlt in diesem Bild auffallend der erwartete Schnee zum
Eisbären. Bei genauer Betrachtung sieht das Tier mager und erschöpft aus. Es geht in
dem Bericht zweifellos um den Klimawandel, das Foto erweckt diese Assoziation sofort –
auch weil es sich um ein inzwischen sehr vertrautes und häufig wiederholtes Medienbild
zum Thema handelt. Jedoch nicht nur der Eisbär, sondern auch die Betrachtenden fühlen
sich häufig beim Anblick erschöpft. Warum ist es so, dass Lesende bei einem sie in
großem Ausmaß betreffenden Thema solche Müdigkeit heimsucht? Wie kann eine
Klimaberichterstattung also besser gestaltet werden und lösungsorientiert vorgehen?
Lösungsorientiert bedeutet schlicht eine Fokussierung weg von Problemen hin zu
Lösungen, welche den Lesenden angeboten werden. Da der Klimawandel ein sehr
komplexes Thema ist, muss auch eine Vielzahl an Lösungsansätzen bedacht werden.
Diese können insofern nicht für jeden Menschen gleich anwendbar sein, da sie die
Handlungsmöglichkeiten verschiedenster Lebenswelten berücksichtigen müssen.
Dazu gesellt sich die Frage nach der Motivation zu handeln. Denn die eigenen
Handlungsmöglichkeiten sollen nicht nur erkannt, sondern im Anschluss auch
angenommen und umgesetzt werden. Für diese Debatte wird versucht einen Bezug zu
Ergebnissen der Sozialforschung, insbesondere der Sozialpsychologie, zu nehmen. Denn
hier findet sich ein großer Theorienschatz zu Emotion, Motivation und Verhalten wieder. In
einem Gedankenexperiment soll zunächst das Konzept der self-efficacy aufgegriffen
werden, um dann Überlegungen anzustellen, ob die Prinzipien dieser Theorie neue
Impulse für die Klimaberichterstattung liefern können.

Der Begriff der self-efficacy oder Selbstwirksamkeit geprägt durch Albert Banduras sozial-
kognitive Handlungstheorie beschreibt das bei Menschen unterschiedlich stark
ausgeprägte Vertrauen, durch eigene Möglichkeiten und Kompetenzen Aufgaben wirksam
bewältigen zu können. 1 Sie spielt außerdem eine Vermittlungsrolle im Prozess der
Übernahme extern vorgegebener in persönlich verfolgte Ziele. Menschen mit hoher
Selbstwirksamkeitserwartung sind in der Regel eher bereit, vorgegebene herausfordernde
Ziele als ihre persönlichen Ziele zu übernehmen. Selbstwirksamkeit und Klimawandel
wirken insofern zusammen, wenn Klimabewusstsein dadurch motiviert wird, dass die
Erwartung besteht, eine klimaschützende Handlung erfolgreich durchführen zu können.

Um zu debattieren, ob journalistisch die Selbstwirksamkeitserwartung gefördert werden
kann, müssen die Faktoren ihrer Entstehung betrachtet werden.
Die Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung erfolgt nach Bandura durch vier Quellen.
Dazu gehören erstens Erfolgserlebnisse bei direkter Verhaltensausführung.
Erfolgserlebnisse führen auf natürliche Weise zu einer Stärkung von Selbstwirksamkeit.
Andererseits können wiederholte Misserfolge die Selbstwirksamkeitserwartung reduzieren.
Dieser Effekt wird umso größer, je stärker auch die Ursachen für den Misserfolg der
eigenen Person zugeschrieben werden.
In der Forschungsliteratur ist dies der Faktor, auf den am wenigsten Einfluss von außen
genommen werden kann. Trotzdem lassen sich Ideen entwickeln, inwieweit
Klimajournalismus in diesem Punkt zum Tragen kommen kann. Eine Überlegung
diesbezüglich wäre, eine Überführung der Berichterstattung raus aus der
Wissenschaftsredaktion in andere Bereiche vorzunehmen, z. B. Politik und Wirtschaft,
aber auch soziale Nachrichten, lokale Nachrichten oder Sport. Denn die Lesenden können
sich in diesen Themen eher wiederfinden und abgleichen, ob sie selbst nicht bereits in
einigen ihren Handlungen positiv zum Klimaschutz beitragen. Klimaschutz wird so aus der
Expertenecke geholt und zum Thema Aller. Persönliche Erfolge können sichtbar gemacht
werden.


Abb. 1 Das Fahrrad als alternatives Verkehrsmittel, Plan Bici, Bogota © Ashden Foundation

Des Weiteren führt Bandura die stellvertretende Erfahrung durch das Beobachten erfolgreicher Modellpersonen an. Beim Beobachten des Erfolgs anderer Personen, die einem wichtig oder ähnlich sind, kann die Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Dieser Effekt ist umso größer, wenn die Modellpersonen öffentlich belohnt werden.

Für die Klimaberichterstattung lässt sich dies aufgreifen, indem dem Klimawandel ein menschliches Gesicht gegeben wird. Statt nur von den wissenschaftlichen Fakten zu erzählen, können Geschichten von Betroffenen des Klimawandels aufgegriffen werden. 

Bezugnehmend auf den Erfolg der Modellpersonen sollten diese nicht in einer Opferhaltung, sondern als handlungsfähige Personen dargestellt werden. Um eine Identifizierung mit den Modellpersonen zu schaffen, sollten grundsätzlich Stereotype, z. B. das green-feminine-stereotype, vermieden werden. Gestützt wird diese Idee auch durch eine Studie der Oxford University. Sie konnte belegen, dass umweltbewusstes Verhalten stereotyp als feminin wahrgenommen wird. Dies förderte eine Vermeidung jenes Verhaltens bei Menschen, die besonders maskulin auftreten wollen. Ein Reframing des Klimaschutzes für alle Gender ist deswegen erforderlich.


Abb. 2 Mobile Prepaid Solarzellen, Boucotte Sud, Casamance © Ashden Foundation

Verbale Ermutigung und der Einfluss sozialer Gruppen spielen nach Bandura eine weitere Rolle bei der Stärke der Selbstwirksamkeitserwartung. Je nachdem, ob durch andere wiederholt Bestätigung erfahren oder jemand als Versager bezeichnet wird, erhöht oder schwächt sich die Selbstwirksamkeitserwartung.

In der Folge muss ein Katastrophenfokus in den Medien eher kontraproduktiv wirken. Dieser verursacht ein Framing, bei dem der Klimawandel als ein schuld- und angstbeladenes Thema fungiert. Es kann der Eindruck vermittelt werden, dass die Menschheit bereits versagt hat, in den Bemühungen den Klimawandel abzuwenden. Die wiederholt an die Lesenden herangetragene Ohnmacht durch diese Form der Berichterstattung kann möglicherweise als eigenes Versagen umgedeutet werden.

Gleichzeitig kann Journalismus das Kompetenzgefühl der Medienkonsumierenden stärken, indem Wissen vermittelt wird, dass eine aufgeklärte Entscheidung ermöglicht. Beispielhaft sollten eher ein politisches Konzept und Parteiprogramm erklärt werden, anstatt nur die Statements von rechten bzw. linken politischen Lagern zum Thema abzubilden. Lesende werden ermutigt, selbst aktiv an der politischen Debatte teilzunehmen und z. B. wählen zu gehen. Diese und vorweg genannte Ideen werden auch durch die Umweltjournalistin Prof. Elisabeth Arnold vertreten. Sie erarbeitete eine Handreichung von Do‘s & Don‘ts für die journalistische Praxis der Klimaberichterstattung in einem Gastbeitrag auf Klimafakten, einem Informationsmedium zu aktuellen Forschungsergebnissen bezüglich Klimakommunikation.

Die vierte von Bandura genannte Quelle ist die Interpretation Emotionaler Erregung. Physiologische Reaktionen dienen hier als Grundlage einer Situationsbewertung und langfristig der Selbstwirksamkeitserwartung. Je nachdem ob eine Person eher dazu geneigt ist, körperliche Zustände wie Herzklopfen oder Schweißausbrüche als Anzeichen für eine negative Emotion wie Angst zu interpretieren, verfestigt sich entsprechend eine niedrige Selbstwirksamkeitserwartung. 

In Medien wird häufig auf Bildsprache zur Erzeugung von Emotionen zurückgegriffen. Eine wiederholte Konfrontation mit dem gleichen Reiz führt jedoch auf Dauer zu einer Verringerung der körperlichen Antwort auf diesen. Die Darbietung der immer gleichen Bilder kann so langfristig als Gefühl der Indifferenz gegenüber diesen interpretiert werden, wenn die körperlichen Reaktionen ausbleiben. Problematisch wird dies, wenn die Emotion der Gleichgültigkeit dann unterbewusst mit dem Thema Klimawandel in Zusammenhang gebracht wird. Es sollten daher besser neue Bilder im Kopf erzeugt werden anstatt der Wiederholung der bereits bekannten Bilder von Eisbären, schmelzenden Gletschern oder Waldrodung. Das britische Forschungsteam um Climate Outreach hat diesbezüglich eine Studie zur Wirkung von Fotos zum Klimawandel vorgelegt. Basierend auf den Ergebnissen wurde eine eigene Fotodatenbank Climate Visuals veröffentlicht. Dort werden sieben Prinzipien für eine gute Bildzusammenstellung zum Thema Klimawandel definiert, welche die vorangegangenen Ideen unterstützen:

1. Show real people: In den Studienumfragen zeigte sich, dass die Bilder von Menschen, die tatsächlich vom Klimawandel betroffen sind, eine positivere Wirkung hatten als gestellte Stockfotos. 
2. Tell new stories: Zwar machen die klassischen Bilder zum Klimawandel (Eisbären etc.) sofort klar, worum es im Bericht geht, aber sie führten in der Untersuchung auch zu Zynismus und Fatigue. Unbekanntere und zum Nachdenken anregende Bilder können dagegen das Framing des Klimawandels in der öffentlichen Diskussion verändern, sodass neue Emotionen zum Thema entstehen.
3. Show climate change causes at scale: In der Untersuchung zeigte sich, dass nicht allen Teilnehmenden der Zusammenhang zwischen eigenem Handeln und Klimawandel bewusst ist. Beim Hinweis auf solche Verhaltensweisen durch Bildsprache, wird empfohlen, diese in einen größeren Maßstab zu setzen (z. B. eine überfüllte Autobahn statt eines einzelnen Fahrers abbilden), um Abwehrreaktion der Einzelnen zu vermeiden. 
4. Show emotionally powerful impacts: Auch wenn die Studienteilnehmenden eine größere emotionale Reaktion auf die Abbildung der Folgen des Klimawandels zeigten, waren diese Emotionen in ihrer Wirkung eher überwältigend und lähmend. Um dies zu überwinden, wird eine Verbindung von Bildern der Folgen mit Lösungsansätzen und positiven Verhaltensbeispielen empfohlen.
5. Understand your audience: In der Untersuchung zeigten sich Unterschiede bei Personen, die sich eher dem rechten oder dem linken politischen Spektrum zugehörig fühlten. Bilder von Lösungsansätzen zum Klimawandel riefen jedoch in beiden Gruppen die positivsten Emotionen hervor.
6. Show local (but serious) impacts: Die Bilder, welche die stärksten Reaktionen hervorriefen, waren Darstellungen von lokalen Klimaauswirkungen gepaart mit Einzelpersonen, die identifizierbare Emotionen widerspiegeln. Es wird bei diesen Bildern allerdings empfohlen, im zugehörigen Text die Balance zu halten zwischen der Betonung lokaler Auswirkungen und dem Einbinden dieser in den Gesamtzusammenhang des Klimawandels, um eine Trivialisierung zu vermeiden.
7. Be careful with protest imagery: Die Darstellung von Klimaaktivismus erzeugte in der Untersuchung eher eine zynische Reaktion der Versuchsteilnehmenden. Ein positiver Effekt ergab sich nur bei Personen, die sich selbst als aktivistisch definieren. Wenn diese Zugehörigkeit nicht gegeben ist, kann für die Betrachtenden der Eindruck entstehen, dass Klimaschutz exklusiv für diese Gruppe und nicht für sie selbst sei. Anders sieht es jedoch aus bei Abbildung von Aktivismus direkt vom Klimawandel betroffener Personen. Hier entsteht ein authentischer Eindruck, welcher die Bilder für die Betrachtenden ansprechender macht.


Abb. 3 Gewächshauslösungen im Himalaya, Basgo, Ladakh © Martin Wright/Ashden Foundation

Eine weitere Dimension der Selbstwirksamkeitserwartung lässt sich mit der kollektiven Selbstwirksamkeitserwartung abbilden. Die Kollektive Selbstwirksamkeitserwartung konzeptualisiert überindividuelle Überzeugungen von der Handlungskompetenz einer Gruppe. In ähnlicher Weise wie eine Einzelperson eine starke oder schwache Ausprägung ihrer Selbstwirksamkeitserwartung hat, soll dies auch für soziale Gruppen gelten.

Dieser Teil der Theorie kann herangezogen werden, um eine Wirkung der Berichterstattung auf Gruppen beispielsweise politische Parteien, Lobbyverbände etc. zu überdenken. Die Effekte werden gleichsam verstärkt wie bei Einzelpersonen. Allerdings könnte kollektive Selbstwirksamkeit insbesondere bei der Darstellung von Modellpersonen in die Darstellung von Modellgruppen übertragen werden, ebenfalls der Aspekt der öffentlichen Belohnung dieser. Statt nur über Negativbeispiele einer bestimmten Parteipolitik zu sprechen, können die positiven Aspekte eines bestimmten Parteiprogramms herausgehoben werden.

Zum Abschluss des Gedankenexperiments lässt sich feststellen, dass die sozialpsychologische Theorie der self-efficacy durchaus Impulse für die Gestaltung einer lösungsorientierten Klimaberichterstattung liefern kann. Als Essenz kann festgehalten werden, dass eine Erzählung menschlicher Schicksale mit einem klaren Fokus auf Erfolge der Betroffenen die erwartete Handlungskompetenz der Medienkonsumierenden verstärken dürfte und damit nicht nur das Interesse und die Identifikation mit dem Thema ermöglichen, sondern auch klimaschützendes Handeln einleiten kann. Es sollte hierüber jedoch nicht vergessen werden, auch diese Geschichten in einen wissenschaftlichen Gesamtzusammenhang zum Klimawandel einzubauen. Denn das Thema bleibt auch beim Herunterbrechen auf Einzelschicksale eine große und weltweite Aufgabe. Es darf trotz einer Erfolgsorientierung nicht Gefahr laufen, auf die leichte Schulter genommen zu werden. Und dennoch können wir alle etwas für eine Lösung der Klimakrise beitragen. Wir müssen diese Aufgabe nur annehmen. 

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