What goes around comes around – der Zirkel von Pandemie, Umweltzerstörung und Klimawandel

von Janine Flake

Zeit ist der entscheidende Faktor in den deutlichen Botschaften der Klimaforscher*innen an die Welt: Sofortiges Handeln ist notwendig, um die Folgen des Klimawandels noch beantworten zu können. Dazu gehören Appelle an die Politik, die mit eher spärlichen Klimazielen reagiert. Beispielsweise die EU mit einer um zwanzig Prozent gesenkten Treibhausgasemission für 2020 (im Vergleich zu 1990). Während dies Anfang des Jahres ein nicht zu erfüllendes Versprechen zu bleiben scheint, passiert ein Ereignis, das die Zeitdimension durcheinanderzubringen scheint. Die Covid-19-Pandemie bricht mit voller Wucht spätestens im März 2020 über die gesamte Welt herein und führt zu einem nie dagewesenen Stillstand. Weltweite Ausgangssperren führen zu Effekten, die sich augenscheinlich positiv auf unsere Umwelt auswirken. So finden sich zunächst in sozialen Netzwerken die ersten Posts darüber, wie gut dieser Stillstand für die „Heilung der Erde“ sei. In Venedig sieht man zum ersten Mal seit Jahren den Grund der Kanäle und der Himalaya ist dank Smogentlastung von Delhi bis Kathmandu sichtbar. Diese positive Stimmung findet ihren Weg auch in einige größere Nachrichten, wie etwa der Abnahme der Luftverschmutzung, die mittels NASA-Luftaufnahmen sichtbar wird. Auch wenn hier von erfreulichen Beobachtungen gesprochen werden kann, wäre es vorschnell, auf einem dauerhaften Effekt zu spekulieren. Darum stellt sich die Frage, ob ein Zusammenhang von der Corona-Krise und dem Klimawandel, sowie deren Auswirkungen auch weiter wissenschaftlich diskutiert werden und welche Themen sich in der politischen Diskussion widerspiegeln. 

Auf politischer Ebene findet sich der Zusammenhang beider Krisen in einer aktuellen Debatte um einen klimafreundlichen Wiederaufbau nach dem Lockdown wieder. Beim Petersberger Klimadialog am 28.04.2020 erhöht die EU ihre Klimaziele noch einmal von vierzig auf fünfzig Prozent CO₂-Ersparnis bis 2030. In diesem Kontext werden Wirtschaftshilfen an Umweltauflagen gekoppelt, wie sie UN-Generalsekretär António Guterres fordert, z.B. die Schaffung umweltverträglicher Arbeitsplätze und ein nachhaltigeres Wachstum von Unternehmen. Auch Angela Merkel betont die Notwendigkeit der Finanzierung nachhaltiger Technologien. Ihr Blick geht dabei schon in Richtung einer schwierigen Verteilungsdiskussion bezüglich deutscher Konjunkturprogramme. Wie wichtig die Konzentration auf das langfristige Ziel des Klimaschutzes gerade jetzt wäre, wird deutlich, wenn man sich das Gegenlager ansieht. Denn die politische Diskussion scheint auf der anderen Seite befeuert zu sein von Ängsten einer drohenden Rezession. In Industrie und Politik werden bereits jene Stimmen laut, die bisherige Umweltschutzmaßnahmen zugunsten der Wirtschaft zurückdrehen wollen. Die Sorge, dass hier wirtschaftliche Entscheidungen auf Kosten der Umwelt getroffen werden, ist berechtigt, wenn man einen Vergleich zur Wirtschaftskrise von 2008 zieht. Gab es als politische Reaktion in Deutschland 2009 eine nicht gerade umweltfreundliche Abwrackprämie, um die Autoindustrie wieder anzukurbeln, mag man sich gar nicht ausmalen, welche Subventionen für eine Stärkung beispielsweise der Tourismusbranche 2020 folgen können. Auch die Autobranche – das Vorzeigeobjekt der deutschen Exportindustrien – rebelliert schon wieder mit Verweis auf ihre wirtschaftliche Situation durch die Krise und feindet die schärferen Klimavorgaben der EU-Kommission an. Da ist es fast beruhigend eine gemäßigte Stimme in Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung, zu lesen. Sie appelliert an Lernerfolge aus den Erfahrungen von 2008 und sieht eine Verlagerung auf eine dezentrale Energiewende mit kleineren Akteuren als aktuelle Antwort auf beide Krisen.

Sich von niedrigen CO₂-Ausreißer-Werten eines kurzfristigen Corona-Lockdowns blenden zu lassen wäre auch insofern fatal, als dass es die existenziellen Folgen, die es für viele Teile der Weltbevölkerung mit sich bringt, außer Acht lässt. Ein Weiten der Wirtschafts-Schere zwischen globalem Norden und Süden lässt sich demnach nicht komplett von Folgen für das Klima trennen. Die Effekte eines Corona-Lockdowns auf wirtschaftlich schwächer gestellte Bevölkerungsschichten vermehrt den Druck auf sie und begünstigt dadurch Faktoren, die Umweltzerstörung vorantreiben. Einige dieser Nachwirkungen sind es, die im Verlauf einer Berichterstattung zugunsten der Corona-Krise völlig aus dem Fokus geraten sind. Bezeichnend für dieses Missverhältnis der Berichterstattung wählt der Spiegel „Im Schatten von Corona“ oder „Heimliche Naturzerstörung in Corona-Zeiten“ als Dachzeilen für Artikel zum Klimawandel. Im Schatten der Corona-Pandemie also versucht die brasilianische Bolsonaro-Regierung, die Umweltschutzregeln für den Amazonas-Regenwald so zu verändern, dass illegale Abholzung nachträglich legalisiert wird und damit langfristig die Lunge unserer Erde zu ersticken droht.


Abbildung 1.:  Luftaufnahme Amazonas © Joao Laet/AFP/Getty Images

Die Änderungen beziehen sich auf eine Amnestie von bisher illegal gerodeten Flächen. Damit werden praktisch alle Parteien ermutigt, die Waldflächen zur wirtschaftlichen Nutzung abbrennen, dies noch möglichst schnell vor der Gesetzesänderung zu vollziehen. Somit würde ihnen im Nachhinein das Land legal zugesprochen werden. Das Brisante daran ist eigentlich, dass hier indirekt auch internationales Recht untergraben wird, da es sich eigentlich um geschützte Reservate handelt; aber die Welt, gebannt durch Corona, scheint wegzuschauen. Leidtragende sind in diesem Fall wieder die Bevölkerungsgruppen, die staatlich und gesellschaftlich am wenigsten geschützt sind. Aber neben klarem Schwarz-Weiß von starken und schwachen Akteur*innen im Spiel um Ressourcen gibt es einige Grauabstufungen. Medial erscheint das erstmal klar aufgeteilt in „verlierende indigene Bevölkerung“ auf der einen und „gewinnende Goldgrabende, Holzfällende und Rinderfarmer*innen“ auf der anderen Seite. Doch: Kann man Letztgenannte tatsächlich auf die weltwirtschaftliche Gewinnerseite stellen? Dazu gehört die Frage, ob es sich dabei immer nur um Großgrundbesitz handelt. Robert Maldonado, Südamerika-Referent des WWF, erzählt im SWR-Interview, dass an den aktuellen Aktivitäten in Brasilien nur „rückwärts-gewandte Großgrundbesitzer“ profitieren würden und sagt weiter: 
„Brasilien kann deren landwirtschaftlichen Ziele erreichen, also auch Wachstumsziele erreichen, ohne einen einzigen Baum zu fällen und ist selber daran interessiert, große Handelsbeziehungen z. B. mit der EU einzugehen […] Das Gute an Brasilien ist, es ist so groß und so reich, da kann man mehrere Ziele unter einen Hut bringen. Man muss es allerdings nur wollen.“
Brasilien mag dann als reich betrachtet werden, wenn man sich Werten wie des Brutto-Inland-Produkts (BPI) bedient und einen Vergleich nach unten wählt. Für das Wirken ähnlicher Strukturen wirtschaftlicher Nöte und Zwänge wie bei Nationen mit niedrigerem BPI spricht allerdings, dass Brasilien nicht die einzige Nation ist, die aktuell eine verstärkte Abholzung erlebt. Diese zeigt sich im März diesen Jahres auch in anderen Ländern Südamerikas, Asien und Afrika.
Dabei lagen die Verluste der weltweiten Regenwaldflächen insgesamt bei rund 150 Prozent gegenüber dem Durchschnittswert vom März 2017. Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim WWF Deutschland, spricht hierbei schon von einem Corona-Effekt und weist auf eine entscheidende Rolle des Stopps der Handelswege nach China und Vietnam hin, wohin viele Holzprodukte insbesondere aus der Kongo-Region exportiert werden. Ohne die Möglichkeit eines legalen Holzhandels werden notwendigerweise viele Wälder in Ackerflächen umgewandelt. Hier wird große wirtschaftliche Not gegen Nachhaltigkeit ausgespielt.


Abbildung 2 Verlust an Waldkronenbedeckung in Hektar im März 2017 bis 2020 in sechs Ländern Südamerikas (vorläufige Werte) © WWF

Umso paradoxer eigentlich, wenn eine subventionierte deutsche Autoindustrie sich ebenfalls auf die wirtschaftliche Verliererseite stellen will und sich damit das Recht rausnimmt, Umweltschutzmaßnahmen zu kritisieren. Im internationalen Vergleich wirken diese Forderungen geradezu absurd.
Betrachtet man zusätzlich zur politischen die wissenschaftliche Debatte, findet sich neben den Folgen auch die Betrachtung des ursächlichen Zusammenhangs von Pandemie, Umweltzerstörung und Klimawandel. In dieser Diskussion geht der Tenor dahin, dass die Pandemie kein Naturereignis ist, das plötzlich über die Menschheit hereingebrochen ist. Die massive Zerstörung der Umwelt, mit besonderem Fokus auf Waldrodung, ist ein Moderator für Klimawandel und Pandemien wie Covid-19.
Wälder spielen einen bedeutenden Faktor im Klimageschehen, sodass eine Studie der ETH Zürich von 2019 sogar zu dem Ergebnis kommt, dass Aufforstung das beste Mittel in der Regulierung des Klimawandels werden könnte. Auch wenn es zur Studie bezüglich ihrer Simulationsparameter bereits wissenschaftliche Gegenstimmen gibt, verdeutlicht sie zwei Prozesse, die der Wald für das Klima leistet. Zum einen stellen Wälder ein großes Kohlenstofflager dar, den sie in der Vegetation und in den Böden speichern. Tropische Regenwälder speichern aufgrund ihres hohen Biomasse-Vorrats noch einmal 50 Prozent mehr Kohlenstoff als Wälder außerhalb der Tropen. Bei Rodung eben jener Wälder wird der Großteil des Kohlenstoffes als Kohlendioxid wieder freigesetzt. Zum anderen wird das Wetter durch Wälder direkt reguliert indem Verdunstungsprozesse wirken. Auf Baumkronen einstrahlende Sonnenenergie wird in Wasserdampf umgesetzt, welcher einen kühlenden Effekt auf die Atmosphäre bekommt. Der derzeitige rapide Waldverlust muss insofern einen enormen Einfluss im Klimawandel nehmen und verstärkt wiederum das Waldsterben. Nach Angaben des Weltklimarates gehen etwa elf Prozent der Treibhausgasemissionen allein auf den Verlust von Wäldern zurück.
Aber auch Pandemien werden bei Waldrodung durch die Verringerung der Territorien und damit den stärkeren Zusammenfall des Lebensraums von Mensch und Tier begünstigt. Werden Wildtiere aus ihren angestammten Habitaten verdrängt, müssen sie in andere Bereiche wechseln. Es entstehen neue Kontakte, die es in der Form vorher nicht gegeben hat, und Zoonosen werden begünstigt. Daneben verstärkt der Klimawandel selbst eine Ausbreitung von zoonotischen Erregern. Werden diese durch Wirte übertragen, welche bisher bestimmte Gebiete aufgrund kälteren Klimas gemieden haben, findet aufgrund veränderter Klimazonen eine immer stärkere Verbreitung statt.

Zusammenfassend lässt die Verbindung von Corona und Klima somit einen Zirkelschluss zu, indem beide Krisen eng miteinander verwoben sind, sowohl in Ursache als auch Wirkung. Diese Zusammenhänge werden durch wissenschaftliche Debatten gestützt und finden sich auch in Politik und Wirtschaft dort wieder, wo Entscheidungen getroffen werden, die aus den Auswirkungen der Krisen entstehen und gleichzeitig Auswirkungen auf den Verlauf dieser haben werden. Anstatt beide Krisen in ihren Symptomen zu behandeln, kann nur eine Konzentration auf die wesentlichen beiden zugrunde liegenden Triebkräfte einen Ausweg bieten. Das spricht dafür, dass eine internationale Zusammenarbeit Abhilfe schaffen kann, denn nationale Alleingänge begünstigen vielerorts die treibenden Faktoren von Pandemien und Klimawandel. Nationales wirtschaftliches Wachstum darf auch in Zeiten einer drohenden Rezession nicht auf Kosten der Umwelt finanziert werden.

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