Von Krisen und Konstruktivität. Ein Best-Practice-Beispiel in der Klimaberichterstattung

Von Lisa Kaufmann

Ein kleiner Rest der Einstellung Gilbert Hovey Grosvenors, Begründer des Fotojournalismus und Chefredakteur des National Geographic Magazines über 50 Jahre, wohnt auch dem Artikel inne, der diesem Essay als Grundlage dient. Nur Positives über Länder schreiben zu wollen, sollte kritisch hinterfragt werden. Unangemessene Kritik zu vermeiden, sollte das Prinzip eines und einer jeden sein.

Die Suche nach einem Best Practice Beispiel über lösungsorientierte Klimaberichterstattung ist tendenziell auf positive Buzz Words ausgerichtet. Eine angemessene kritische Haltung ist für das Finden eines zufriedenstellenden Ergebnisses jedoch unabdingbar. Im Titel des National Geographic-Artikels „100 praktische Wege zur Umkehr des Klimawandels“ von Simon Worrall sind schon einmal viele dieser Buzz Words enthalten, die die Aussicht auf eine konstruktive Herangehensweise an die Klimakrise verbessern: Von gleich 100 Wegen ist die Rede, die auch noch praktisch seien und den Klimawandel nicht nur verlangsamten, sondern gleich umkehrten. „Best Practice“ all over the place…oder nur leerer Positivismus?

Der Artikel und das darin enthaltene Interview mit dem amerikanischen Umweltschützer Paul Hawken basiert auf seinem Buch „Drawdown: The Most Comprehensive Plan Ever Proposed to Reverse Global Warming“, das es innerhalb kürzester Zeit auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft hat. Auch dieser Titel ist etwas platt und anpreisend, ebenso wie der des Artikels selbst – fast zu schön, um wahr zu sein. Warum dieser Beitrag über den menschengemachten Klimawandel und die damit zusammenhängende Krise vieles richtig macht, soll im Folgenden etwas genauer beleuchtet werden.

Es gibt noch eine Chance.

Dass sich das Thema „Klimakrise“ bei Leser*innen etwas abgenutzt hat ist keine neue Information. Dies war auch schon im Jahr 2017 der Fall, als der National Geographic-Artikel erschien. Man könnte an dieser Stelle nun kritisieren, dass so ein altes Beispiel für diesen Essay herangezogen wird. Auf der anderen Seite könnte ebenso kritisch hinterfragt werden, warum es im Jahr 2020 so viel schwieriger geworden ist, Beiträge über die Klimakrise zu finden, die sich nicht eines stark schwarzmalerischen Framings bedienen. Zwar soll nichts beschönigt werden und ehrlich müssen die Artikel ebenfalls sein. Und doch soll diese noch irgendjemand lesen, was bei ständig dystopischen Szenarien immer weniger der Fall ist – zumindest wenn die Leser*innen potenziell selbst die Schuldigen sind. Dass 2019 das Jahr mit der höchsten Content-Generierung zu klima-bezogenen Inhalten werden würde, wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand und auch nicht, dass die weltweite „Fridays for Future“-Bewegung ab August 2018 neuen Wind in den Diskurs bringen würde. 

Der große Verkaufserfolg Hawkens Buch ist zu diesem Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit. Es erscheint in einem Zeitraum, in dem die Berichterstattung über den Klimawandel zunimmt, dann jedoch wieder stark einbricht. Nichtsdestotrotz zeigt er: Das Interesse an einer konstruktiven Herangehensweise an die Klimakrise, die nicht nur schwarzmalerische Perspektivlosigkeit predigt und die Katastrophe heraufbeschwört, ist groß. Die Frage, wen man davon überzeugen kann, seinem Team beizutreten, wenn im Vorfeld kommuniziert wird, dass das Spiel wahrscheinlich verloren gehen wird, ist schnell beantwortet. Woralls Artikel schöpft aus der positiven Welle rund um das Buch und greift markante Lösungsvorschläge noch einmal auf, die durch Hawkens in prägnanter Weise beleuchtet werden. Sicher liegt es recht nahe, einen Artikel über ein Buch zu schreiben, das Anklang findet. Auf diese Weise erschafft Worall dennoch eine kleine Insel im Meer von Negativnachrichten, Abwärtstrends und Schuldzuweisungen.

„Da ist für jeden was dabei!“

Der Artikel zeichnet nicht erst das große Problem – welches in viele kleine Probleme unterteilt werden müsste – auf, es geht ausschließlich um Lösungsansätze. Diese werden nicht als Universalschlüssel verkauft, sondern greifen automatisch viele der Subprobleme und -gründe für die Klimakrise auf. Dadurch wirken sie auf einmal bezwingbar und an eine „One-size-fits-all“-Lösung denkt an dieser Stelle niemand mehr.

Die Vielseitigkeit der vorgestellten Lösungen erlaubt es zudem, sich in einige der Vorschläge abseits des Artikels stärker einzulesen, einen anderen dafür vielleicht nicht beachten zu müssen. Während das eigene Interesse bei Flüssigsalzreaktoren etwas schwindet, bleiben die Gedanken bei der Wiederherstellung der Mammutsteppe hängen, von der man gerade mit Staunen zum ersten Mal liest. Leider hat dieser Ansatz aber ebenso wenig mit dem Alltag in Berlin zu tun wie eine Atomkraftwerk-Technik. So gewinnt schließlich der Infrastrukturbau für Fahrräder in Städten das persönliche Rennen der Vorschläge. 

Eine weitere Gliederung der Lösungsansätze kann über die verschiedenen Länder beziehungsweise Erdregionen vorgenommen werden. Der Amerikaner Hawken zeichnet weder ausschließlich Handlungsmöglichkeiten seines eigenen Landes auf, noch bedient sich eines starken „Wir“- oder „Ihr“-Narratives – auch wenn es gelegentlich vorkommt. Er denkt auch hier von der Lösung her, sodass Best-Practice-Beispiele, ihre Ursprünge und Entwicklungen aus verschiedensten Ländern beleuchtet werden. Innerhalb dieses Rahmens ist gelegentlich auch gezielte Kritik zu vernehmen: 

„Die Atomenergieindustrie in Europa und den USA ist quasi zum Erliegen gekommen. Die im Bau befindlichen Kraftwerke sind völlig überteuert, niemand will sie finanzieren, niemand will sie versichern außer die Regierungen selbst.“

Aus welchen Gründen es China in diesem Falle besser mache und warum Atomkraft nicht gleich Atomkraft sei, erfährt man neben der Kritik hingegen auch.

Mal was Anderes – und dann auch noch aus einer neuen Perspektive.

Der folgende Aspekt ist eng mit dem vorangegangenen Abschnitt verbunden, dennoch muss man ihn noch einmal gesondert hervorheben. Zwar beinhaltet auch dieser Artikel die naheliegenden und oft genannten Oberthemen wie „Alltagsmobilität“, „Flugverkehr“ oder „Atomkraft“, es werden jedoch auch andere Ansätze vorgestellt, wie die bereits erwähnte Mammutsteppe, „Cool Roofs“ oder Mädchen- und Frauenbildung. Besonders der letztgenannte Ansatz wird viel zu selten in Verbindung mit der Klimakrise diskutiert. Diese Kombination macht entweder auf die Lösungen gespannt, die sich hinter den bisher unbekannten Schlagworten verbergen, beziehungsweise auf die häufig nicht thematisierten inhaltlichen Zusammenhänge eines weiteren Problems auf der Erde in Verbindung mit der Klimakrise. Liest man in der Einleitung stattdessen plakative Begriffe wie „Veggie Day“, „SUV-Verbot“ oder „Urlaubssperre“, springt so mancher ab. Auch wenn auch diese Lösungsansätze mit großer Sicherheit einen Beitrag zur Verbesserung der Situation beitragen würden, könnten sie weniger reißerisch beschrieben werden.

Aber nicht nur die Lösungsvorschläge selbst, auch die Perspektive darauf ist eine andere als so oft. Bereits die Interviewfragen und auch Hawkens Antworten zielen nicht allein auf die Verantwortung eines jeden einzelnen ab, sondern beleuchten ein „Bigger Picture“. So kommt zum Beispiel kein Flight Shaming auf, das einer individuellen Person ein schlechtes Gewissen einredet. Vielmehr ist in Verbindung mit dem allseits bekannten Thema „Flugverkehr“ von strategischen und technischen Innovationen wie Redesign der Flugzeuge oder Veränderung der Start- und Landebedingungen die Rede. Dieses Zeichnen eines großen Bildes und das gezielte Ansprechen von Regierungen und Global Playern nimmt erst einmal die Bürde und die Verantwortung von einzelnen Personen. Parallel zeigt es eine Welt auf, in der man sich schließlich viel leichter klimafreundlicher verhalten könnte, so durch das eigene Partizipieren Teil der Lösung wird und nicht mehr das Gefühl hat, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.

Fazit.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass hinter den Lösungsvorschlägen definitiv nicht nur leerer Positivismus steckt, sondern echte Lichtblicke vorgestellt werden. Zieht man jedoch eine kleine Bilanz, drei Jahre nach Erscheinen des Artikels, bemerkt man, wie das wohlige Gefühl während des Lesens in einer Phase der Reflexion wieder schwindet. Dennoch: Es braucht mehr solcher Sammlungen von Ansätzen. Diese müssen nicht zwangsläufig nur das „Bigger Picture“ in den Fokus nehmen, welches einen selbst zuweilen aus der Verantwortung zieht – kleinteiliger oder individueller darf es gerne werden. National Geographic liefert auch aktuellere Artikel zu außergewöhnlichen Ansätzen, verbunden mit bildgewaltiger Aufbereitung der vorgestellten Inhalte. Diese Aufbereitung zeigt anhand einiger Beispiele, warum noch nicht alles verloren ist und wofür es sich lohnt, den Kampf gegen die selbst erschaffene Krise (wieder) aufzunehmen. Leider sind auch in diesem Rahmen außergewöhnliche Lösungsansätze zum Teil zu weit von der Alltagsrealität entfernt, weshalb letztendlich doch ein Artikel aus dem Jahr 2017 in den Fokus dieses Essays gerückt ist.

Solch kritische, aber nicht ausschließlich negative Berichterstattung ist manchmal so schwierig zu finden, wie eine Lösung für das Problem selbst.

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