Virolog*innen in den Medien: Wissenschaftliche Expertise versus Dramatisierung der Krise

Von Aileen Stickelbrucks

Das Zeitalter der Experten
Mit der Corona-Pandemie begann das „Zeitalter der Experten“, wie es im MDR-Beitrag „Medien sind nun mal nicht Hofberichterstatter.“ so schön heißt. Stellt man sich die Virolog*innen als neue Popstars am Medienhimmel vor, sehen die Charts aktuell so aus: Ungeschlagene Top 1 ist die Legende Christian Drosten, Top 2 belegt Alexander Kekulé mit seinem hervorragenden Playback und Top 3 der Newcomer Hendrik Streeck. Spaß beiseite, prinzipiell begrüßt Constanze Rossmann, Kommunikations-wissenschaftlerin an der Universität Erfurt, das Auftreten von Expert*innen in den Medien als positive Entwicklung, da das Coronavirus ein neues Thema für die Gesellschaft ist, bei dem man auf wissenschaftliche Expertise als zentrale Informationsquelle angewiesen ist. Expert*innen schaffen Vertrauen und durch eine Personalisierung á la „Drosten sagt“ können Rezipient*innen die gesagten Inhalte besser verdauen. Dies liegt daran, dass wir uns schon früh in der Menschheitsgeschichte daran gewöhnten in Geschichten zu kommunizieren und so mit ihnen besser erreicht werden können. Nach der Nachrichtenwerttheorie berichten Medien am ehesten über Nachrichten, die z.B. folgendes beinhalten: Negativismus, Überraschung, Konflikt, Prominenz und auch Personalisierung. So könnte nach Rossmann ein negativer Aspekt sein, dass vor allem Boulevard-Medien Expert*innen benutzen, um zu emotionalisieren und dramatisieren, wie es bereits in anderen Krisen der Fall war. Welche Expertise bringen Drosten, Kekulé und Streeck mit, um die Top-Experten zu sein? Verhalten sie sich, wie man es sich von Expert*innen wünscht? Und wie steht es um die Medien – benutzen sie die Personalisierung zum Guten oder Schlechten?

Die Top 3 der Virologie
Die wohl inzwischen prominentesten Virologie-Experten Deutschlands sind Christian Drosten, Alexander Kekulé und Hendrik Streeck.
Christian Drosten ist Leiter des Instituts für Virologie an der Charité. Laut der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim ist er der weltweit führende Coronavirus-Experte und entwickelte gemeinsam mit seinem Team den ersten Corona-Test überhaupt (maiLab 2020). Bekannt ist er vor allem durch seine beratende Funktion für die Bundesregierung, die auch dazu führte, dass man ihn in der Krise schon früh bei Bundespressekonferenzen zu Gesicht bekam. Außerdem informiert er regelmäßig im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ über die neuesten wissenschaftlichen Studien und Erkenntnisse. Dabei betont er immer wieder, dass er keine politischen Entscheidungen trifft und markiert klar, wenn er sich außerhalb seines Fachbereichs bewegt.
Alexander Kekulé tritt als Experte in Erscheinung, hat im Gegensatz zu Drosten allerdings nichts mit der aktuellen Forschung zu tun und forschte nie zu Corona (Ebd.) Er trifft zwar klare Aussagen und fordert konkrete Handlungen der Politik, doch hält seine wissenschaftliche Grundlage dem Fakten-Check von Nguyen-Kim und ihrem Team von Wissenschaftler*innen oft nicht stand.
Hendrik Streeck ist Leiter des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Universität Bonn und damit der direkte Nachfolger Christian Drostens an diesem Institut. Viel in der Presse besprochen und auch kritisiert wurde die, von ihm durchgeführte, Heinsberg-Studie. Streeck fiel in den letzten Monaten auch durch unvorsichtige Kommunikation auf, auf die wir im nächsten Punkt zu sprechen kommen.

Der perfekte Experte?
Wissenschaft und Journalismus haben verschiedene Anforderungen an ihre Expert*innen. Aus der Wissenschaftsperspektive forscht die ideale Person laut Rossmann am besten in dem Fach, über das sie berichtet und kann ihre Erkenntnisse fundiert vermitteln. Wichtig ist dabei zu kommunizieren, wie gesichert die Evidenz ist. Ein Faktor, der gerade im Fall von Corona noch sehr unsicher ist und daher umso mehr betont werden soll.

Analysiert man den Podcast mit Christian Drosten erkennt man schnell, dass er aus der Sicht der Wissenschaft der perfekte Experte ist: Er forscht nicht nur aktuell auf dem Gebiet, er ist sogar führend. Er sagt in einer der ersten Folgen selbst, dass er sich auf das Format Podcast eingelassen hat, da man dort ausführlich und nicht zugespitzt kommunizieren kann. Er ordnet Studien ein und bewertet deren Erkenntnisse. Dabei geht er auch darauf ein, wie gesichert diese sind.
Aus der Sicht der formulierten Anforderungen der Wissenschaft an Expert*innen scheinen Alexander Kekulé und Hendrik Streeck aus unterschiedlichen Gründen ungeeignet. Kekulé scheidet schon allein durch die Tatsache aus, dass er nie zu Corona forschte und wohl auch deshalb falsche Schlüsse zieht. Streeck ist zwar ein angesehener Fachexperte, doch gelingt es ihm nicht seine Erkenntnisse korrekt zu vermitteln. So lobte er beispielsweise auf Twitter einen Spiegel-Artikel mit dem Titel „Jeder Siebte könnte bereits immun sein“ (Streeck 2020). Problematisch war dabei, dass sich der Artikel nur auf die Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg bezog und nicht auf ganz Deutschland, was der Titel suggerierte. In Deutschland ist die Zahl deutlich kleiner und liegt eher bei einem Prozent. Auch Aussagen von ihm bei der Markus Lanz-Sendung vom 31.03.2020 waren fragwürdig, da man ihn ebenfalls leicht missverstehen konnte. Folgende Aussage war so verkürzt, dass Rezipient*innen zu dem Schluss kommen konnten, dass die Modellrechnungen des Robert-Koch-Instituts vollkommen unsicher seien und man ihnen nicht vertrauen könne: „Da muss ja nur ein Faktor in einer solchen mathematischen Rechnung falsch sein, dann fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus.“ In der gleichen Sendung überschritt er seine Kompetenz indem er der Politik konkreten Handlungsempfehlungen gab, ein Gebiet, auf dem er nicht Experte ist. Er markiert diese Aussage zwar mit „Ich als Bürger“ doch steht sein Gesicht für einen Corona-Experten und nicht für einen privaten Bürger. So kann auch dies bei den Rezipient*innen falsch ankommen und ist aus Sicht der Wissenschaft unangebracht.

https://twitter.com/hendrikstreeck/status/1248207406716329986

Im Journalismus wünscht man sich Expert*innen die Inhalte so verständlich kommunizieren können, dass es am besten auch Laien verstehen (Rossmann 2020). Bedenkt man, was für ein komplexes Feld die Virologie ist, kann man sicher sagen, dass Drosten diese Anforderung im Großen und Ganzen erfüllt. Das Problem mit  Drostens Aussagen ist nur, dass sie meist nicht so kurz sind, als dass man sie in eine knackige Überschrift pressen könnte. So kommt es regelmäßig dazu, dass er in seinem Podcast und auf Twitter bewusste Verkürzungen der Medien richtigstellt, da er fürchtet, dass durch diese Fehlinterpretationen entstehen. Meist geht es dabei um Überschriften der Corona-Artikel. Er lässt sich nicht dazu verleiten konkrete Maßnahmen, die die Politik treffen sollte, zu bejahen oder zu verneinen. Wie Mai Thi Nguyen-Kim sagt: Er interessiert sich für das „was“, während sich die Bevölkerung und dadurch auch die Medien für das „was bedeutet das für uns“ interessieren (maiLab 2020). Ganz anders ist da Kekulé. Er scheut sich nicht davor Aussagen zu „Was bedeutet das für uns“ zu machen. So ist er für Journalist*innen ein beliebter Experte. Dass diese und auch seine bereits erwähnten Handlungsempfehlungen an die Politik nicht immer eine wissenschaftliche Grundlage haben stört die interviewenden Journalist*innen dabei nicht oder sie durchschauen es nicht. Anders lässt sich nicht erklären, dass auch Kekulé einen Podcast beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat. In eine ähnliche Richtung geht Streeck. Auch er scheut sich nicht vor Aussagen, die Überschriften zieren, zwar ohne Podcast, doch wie oben erwähnt gern mit Tweets oder Aufritten im Fernsehen.

Schlagzeile 1: Stern https://www.stern.de/p/plus/gesundheit-wissenschaft/der-aufklaerer–so-wurde-christian-drosten-zum-wichtigsten-mann-deutschlands-9184616.html
Schlagzeile 2: Zeit https://www.zeit.de/2020/13/coronavirus-wissenschaft-auswirkung-auf-politik-virologen-christian-drosten-alexander-kekule

Die Heldenfalle
Die Anforderungen der Wissenschaft und des Journalismus wirken konträr. Es ist ohne Frage schwierig fundiert über alle Aspekte zu berichten, wie es sich die Wissenschaft wünscht und sich gleichzeitig kurz zu halten und so verständlich zu sein, dass es auch Laien verstehen, was die Anforderung des Journalismus ist. So tappt die Medienlandschaft geschlossen in die „Heldenfalle“ (Brost/ Pörksen 2020). Sie konzentrieren sich beim komplizierten Sachverhalt Corona, so sehr auf die Expert*innen, dass das eigentliche Thema in den Hintergrund rückt. Vor allem die Top 1, Christian Drosten, ist der zentrale Held: So gab es im März zu Beginn der Krise in Deutschland folgende Schlagzeilen: Stern nennt ihn den „wichtigsten Mann der Republik“ (Posche 2020) und die Zeit fragt „Ist das unser neuer Kanzler?“ (Lau 2020). Bei einem solchen Personenkult steht der Held unter genauester Beobachtung und es dauert nicht lange bis Gegenstimmen laut werden. So überrascht die aktuelle Entwicklung nicht: Die Bild feindet Drosten an, wissenschaftliche Diskurse der Expert*innen werden als Konflikte inszeniert und zu guter Letzt mischen sich auch noch Promis ein. So wurde beispielsweise Fußball-Trainer Jürgen Klopps Meinung zum Drosten-Bild-Disput in den verschiedensten Zeitungen abgedruckt. Die Nachrichtenwerte Konflikt und Prominente statt ernsthafter Berichterstattung über aktuelle Entwicklungen in der Forschung zu Corona. Es scheint nur fair das letzte Wort Christian Drosten persönlich zu lassen: „Ich bin wirklich wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht werden, das Medien zeichnen wollen, um zu kontrastieren. Das muss wirklich aufhören.“ (NDR 2020)

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