Lösungsorientierte Klimaberichterstattung

Das Jahr 2019 hat die Klimaberichterstattung wieder ansteigen sehen. Dabei bestimmten
immer öfter die negativen Schlagzeilen die Nachrichten: Dürren in Afrika, Buschfeuer in
Australien sowie der Austritt der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Pariser
Abkommen (Nacu-Schmidt & Katzung & Boykoff, 2019). Der Journalist John D. Sutter fasst
Ende 2019 die Klimasituation der letzten zehn Jahre für CNN frei nach dem Motto “if it
bleeds, it leads” wie folgt zusammen:

“On the cusp of 2020, the state of the planet is far more dire than in 2010. Preserving a safe
and healthy ecological system is no longer a realistic possibility. Now, we’re looking at less bad
options, ceding the fact that the virtual end of coral reefs, the drowning of some island nations,
the worsening of already-devastating storms and the displacement of millions — they seem
close to inevitable. The climate crisis is already costly, deadly and deeply unjust, putting the
most vulnerable people in the world, often who’ve done the least to cause this, at terrible risk.
The worst part? We’ve known about this for a very long time”.

A screenshot of a map

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Screenshot von der Webseite Media and Climate Change Observatory (2020)

Alles also auf Weltuntergang eingestellt? Oder gibt es Alternativen zu diesem “Doom and Gloom”-Journalismus, dem wir so oft in der täglichen Berichterstattung begegnen? Elizabeth Arnold der University of Alaska beschreibt bereits in 2018, wie überwiegend negative Berichterstattung über den Klimawandel die Rezipient*innen mit einem überwältigenden Gefühl der Machtlosigkeit zurücklässt und eine lösungsorientierte Klimaberichterstattung wesentlich konstruktiver sein könnte. Wo findet man also diese konstruktiven, lösungsorientierten Ansätze in der Klimaberichterstattung? Arnold selber nennt in ihrem Artikel ein positives Beispiel. Dabei handelt es sich um die unabhängige, lokale Nachrichtenwebseite The Tyee, welche in Vancouver in British Columbia angesiedelt ist. Sie berichtet stark über die Region selber und konzentriert sich dabei auf Inhalte, welche die Leser*innen interessiert und bewegt. Und hat vor ein paar Monaten einen Artikel über “The Power of Solution Journalism” veröffentlicht (Venn, 2020). Wie sieht also nun diese lösungsorientierte Klimaberichterstattung aus? The Tyee hat eine gesamte Sektion, die sich mit Lösungen befasst, unter “Solutions” findet man Artikel nicht nur zum Klimawandel, sondern auch zu anderen, vor allem für die Region relevante Themen. Unter dieser Rubrik finden sich dutzende Beiträge. Betrachten wir hier ein Beispiel, welches sich konkret mit dem Klimawandel und Lösungen auseinandersetzen. Der Artikel beschreibt die kleine Stadt Ii in Finnland, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, die Energieversorgung der Stadt ohne fossile Brennstoffe zu gewährleisten (Kilian, 2020). Ii ist relativ klein und beherbergt nur 10.000 Einwohner. Trotzdem gelingt es im Artikel zu betonen, wie beeindruckend diese Leistung ist. Denn dieser Ort ist dem Ziel sehr nah. Damit erfüllt diese Berichterstattung die Anforderung an den lösungsorientierten Ansatz, indem er betont, was getan wird und welche Erfolge erreicht werden können. Es hilft auch, dass nicht Politiker*innen oder Wissenschaftler*innen von diesem Erfolg berichten, sondern für den Artikel die Direktorin der lokalen Entwicklungsfirma zu Wort kommt. Und das beste an dieser Alternative in Finnland ist, dass nicht nur dieser relativ kleine Ort es vormacht, sondern Teil eines CO2-neutralen Netzwerkes in Finnland ist. Damit wird gezeigt: es geht auch anders. In einem weiteren Artikel fürThe Tyee schreibt Guy Dauncey (2020): “We really don’t benefit from unrealistic dooming and glooming. We need a far more determined, positive framing, celebrating the transition to a new ecological civilization in which we finally learn how to live in harmony with Nature, and with each other.” und beschreibt damit den lösungsorientierten Ansatz, welchen sich The Tyee mit der Rubrik “Solutions” als Ziel gesetzt hat.

Aber gibt es noch mehr draußen, in der sonst so grauen und schrecklichen Welt des Klimajournalismus? Müssen wir bis nach Kanada schweifen, bis wir konstruktive Klimaartikel finden? Ein Blick auf unsere Nachbarn auf der grünen Insel Großbritannien bringt uns die Antwort in Form der “Upside” des Guardian. “The Upside”, das ist “(j)ournalism that seeks out answers, solutions, movements and initiatives to address the biggest problems besetting the world” (The Guardian, o.J.). Das erste Unterthema dieser Rubrik widmet sich dann auch dem Thema Umwelt. Dort finden sich diverse Artikel, die sowohl Themen in Großbritannien, Europa und auch dem Rest der Welt abdecken. So schreibt Jennifer Kishan (2020) in “Saving a city millions of gallons of water – one tap at a time” über die Arbeit einer bürgergesellschaftlichen Initiative, die sich für den Wassererhalt in Kalkutta einsetzt. Dieser Artikel ist ein gutes Beispiel für menschenzentrierte Berichterstattung, da sie sich um die freiwilliger Arbeit einiger Bürger*innen dreht. Ähnlich verhält es sich mit dem Artikel “Cooking up a solution to Uganda’s deforestation crisis with mud stoves” von Joey Tyson (2020). Neue Kochgeräte helfen dabei, weniger Brennholz zu benötigen und somit die Abholzung des Waldes zu verhindern und auf lange Sicht, den Klimawandel zu bekämpfen. Aber auch Geschichten aus Europa bekommen Erwähnung und verdeutlichen, dass der Klimawandel auch uns betrifft. Sei es die geplante Reduzierung des Autoverkehrs in Mailand (Laker, 2020) oder die Chancen erneuerbarer Energien (Ambrose, 2020). Richtig lokal wird es dann in dem Artikel “Zero-waste warriors: meet the people whose household rubbish fits in a jam jar” (Cutcher, 2020), in welchem drei Briten von ihrem Weg zu einem (fast) mülllosen Haushalt berichten. Und auch wenn man ein bisschen weiter sucht, findet man außerhalb der “Upside” Beispiele für lösungsorientierten Klimajournalismus: sei es die Berichterstattung über Restauration von Wildblumenwiesen in Norfolk (Barkham, 2019) oder die gute Nachricht, dass der Anbau von mehr Bäumen Wunder tun kann für die Bekämpfung des Klimawandels (Carrington, 2019). 

Wer sucht, der findet also? Wie sieht es dann aus in der deutschen Klimaberichterstattung? Können wir auch bei uns Beispiele finden, die einen lösungsorientierten Ansatz verfolgen? Die Otto Brenner Stiftung befasst sich mit genau dieser Frage in dem Arbeitsheft 101 “Nachrichten mit Perspektive. Lösungsorientierter und konstruktiver Journalismus in Deutschland” (Kramp & Weichert, 2020). So argumentieren die Autoren: “Ist die Befähigung zu konstruktiver Gestaltungsfähigkeit also (ein) Ziel journalistischer Arbeit, muss diese bereits im Journalismus selbst angelegt sein.” Im Anhang des Heftes findet sich dann auch eine Auflistung von Best Practice-Beispielen – aus Deutschland, aus Europa, sowie aus den USA. Unter den Beispielen aus Deutschland finden sich unter anderem auch die Dokumentationsreihe “plan b” vom ZDF. Also sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen macht mit beim lösungsorientierten Journalismus. Diese wöchentliche Dokuserie wurde im Jahr 2019 sogar mit dem Heinz Sielmann-Filmpreis ausgezeichnet für die Folge “Die Wächter der Bäume – Waldschutz mit Weitsicht.” (ZDF, o.J.). Die Jury begründet dies wie folgt: „Um Artenschutz und den Erhalt der Artenvielfalt geht es beim Heinz Sielmann Filmpreis. Die ZDF-Redaktion „plan b“, […], versucht als einzige Sendereihe im deutschen Fernsehen nicht nur, Probleme des Artenschutzes zu benennen, sondern auch Lösungsansätze zu skizzieren. Im Beitrag „Die Wächter der Bäume – Waldschutz mit Weitsicht“ gelang dies besonders überzeugend.“ Neben dieser ausgezeichneten Folge bietet der ZDF viele weitere Folgen rund um das Klima sowie Umwelt, Natur und Ökologie an und liefert so verschiedene Einblicke in unterschiedliche Initiativen in Deutschland aber auch im Ausland, die mit konstruktiven Lösungsansätzen gegen den Klimawandel kämpfen.

A screenshot of a social media post

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Auswahl der „plan b“-Folgen, Screenshot von zdf.de

Weitere Beispiele aus Deutschland finden sich (auch) abseits des Mainstream. Das Magazin enorm beispielsweise, welches im Jahr 2010 gegründet wurde, widmet sich “Unternehmen, Bewegungen und Menschen, die sich zur eigenen ökologischen und gesellschaftlichen Verantwortung bekennen” (enorm, o.J.). Unter anderem stellt das Magazin hier unter der Rubrik “Umwelt” die sogenannten Bärenwälder vor, welche diese Tiere schützen (Rau, 2020) und somit zur Artenvielfalt beitragen. Der Artikel erläutert nicht nur, wieso es solche Schutzräume gibt, sondern auch, wie sie funktionieren und wie man selber diese Arbeit unterstützen kann. 

Good news for you – der Name ist bereits selbsterklärend – schafft es ebenfalls auf die Liste der Best Practice-Beispiele der Otto Brenner Stiftung. “Das Nachrichten-Portal für ein besseres Leben” ist ein weiteres unabhängiges Angebot im Internet, welches Leser*innen mit „Mut machenden Stoff (…) zuversichtlich stimmt und uns ermutigt, sich selbst mehr zuzutrauen” (good news for you, o.J.). So findet man unter anderem einen Artikel über die Aufforstung in Deutschland (Roithmeier, 2020), welcher einen guten Gegenpunkt zu den üblichen Walduntergang-Artikeln bietet. Der Artikel beginnt sogleich mit einem Hinweis auf die Online-Plattform der Initiative “Deutschland forstet auf” und bietet somit gleich zu Beginn die Lösung an. 
Auch die Süddeutsche Zeitung hat eine lösungsorientierte Kolumne auf der Webseite. Unter “Die Lösung für alles” berichtet Michaela Haas alle zwei Wochen “dass die meisten Probleme eine Lösung haben, auch die großen wie Welthunger, Klimawandel oder Armut – und dass es guter Journalismus ist, nicht nur über die Probleme, sondern auch über die Lösungen zu berichten.” (Süddeutsche Zeitung Magazin, o.J.). Haas ist Mitglied des Solution Journalism Network und schreibt seit 2017 an der Kolumne (ebd.). Hier finden sich auch in Zeiten der Corona-Krise Lösungsansätze für klimarelevante Probleme, z.B. im Artikel “Es werde Licht” von Anfang Mai 2020 (Haas, 2020). Die guten Nachrichten sind hier eher weltumfassend und berichten unter anderem davon, dass die Weltmeere noch zu retten sind, aber in einem älteren Artikel zum Thema Bienenschutz werden durchaus lokale Initiativen vorgestellt, welche die Lebensräume der Insekten schützen (Haas, 2019).

Es gibt ihn also doch, den lösungsorientierten Journalismus rund um das Thema Klimawandel. Die Bilder von verhungernden Eisbären, brennenden Wäldern und verdorrten Feldern bestimmen zwar noch die Berichterstattung, aber es gibt auch Alternativen, die konstruktive Lösungsansätze anbieten. Dabei fällt zwar auf, dass es sich bei diesen Anbietern oft um unabhängige Nachrichtenplattformen handelt, aber auch traditionelle Medienhäuser diese Form der Klimaberichterstattung anbieten. Bei den unabhängigen Medien ist der Wunsch konkret weg vom traditionellen, negativ-fokussierten Journalismus oft der Gründungsgrund für diese alternativen Plattformen. Bei den traditionellen Medien wird für diese Berichterstattung zumindest eine kleine Nische geschaffen, in der Journalist*innen, die oft selber Teil von Netzwerken von konstruktiven Journalismuspraktiken sind, dieser Schule nachgehen können. Somit liegt ein Interesse und die Bereitschaft bereits vor, diese Methoden in der Arbeit anzuwenden. Wie die Autoren des Arbeitsheftes für die Otto Brenner Stiftung feststellen und zusammenfassen: 

Von überall erreichen uns täglich unzählige Schreckensmeldungen über den desolaten Zustand der Welt, zuletzt und aktuell über die Coronavirus-Pandemie. Die Nachrichtenmedien sind es vor allem, die darüber eher problemzentriert und krisenfixiert berichten – Ausnahmen bestätigen die Regel. Es ist deshalb richtungsweisend, wenn Medienschaffende nicht bei Problemanalyse und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse stehen bleiben, sondern in die Zukunft blicken und – politische, wissenschaftliche, medizinische, wirtschaftliche etc. – Lösungen recherchieren, wie es mit unserer Gesellschaft weitergehen kann.

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