WIE WIRD DER KLIMAWANDEL BZW. DIE KLIMAKRISE IM JAHRESVERGLEICH JUNI 2019 VS. JUNI 2020 GEFRAMT?

Von Johanna Kuhfeldt, 13.07.2020

DER EINSAME EISBÄR

Es gibt wohl kein Bild, dass öfter in Verbindung mit dem Klimawandel gebracht wird, als ein einsamer Eisbär auf einer Eisscholle – Greta Thunberg mal ausgenommen. Nur ein Bruchteil der Menschheit hat tatsächlich schon einmal einen Eisbären auf einer Eisscholle sitzen sehen. Diese Abbildung so oft mit dem Schmelzen der Pole in Verbindung zu setzen, ist gezieltes Framing. Klimawandel weit weg von der Zivilisation oder dem Alltag der Lesenden und nur schwer zu fassen. Traurig anzusehen, aber wenig berührend. Bereits 2006 machte der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Al Gore mit seinem Film Eine unbequeme Wahrheit auf die dramatischen Folgen des Klimawandels aufmerksam, jedoch ohne tatsächlich etwas im Denken der Menschen bewirken zu können. Wissenschaftliche Befunde und dramatische Filmszenen scheinen ebenso wenig in die Köpfe einzudringen, wie ein einsamer Eisbär. Was ist nun aber geschehen, dass heute nicht mehr nur vom Klimawandel sondern auch von einer ernstzunehmenden Klimakrise gesprochen wird? Und welchen tatsächlichen Einfluss hat Framing in Bezug auf die Klimakrise? Das soll anhand der Berichterstattung von RTL.de im weiteren Verlauf untersucht werden. 

FRAMING

Was verbirgt sich nun aber erst einmal hinter dem Begriff des Framings? In erster Linie leitet sich dieser von dem Englischen Wort Frame ab, das zu deutsch Rahmen bedeutet. Es handelt sich demnach um eine bestimmte Rahmung eines Kontextes. Im Sinne der Berichterstattung kann von „Selektion und Aufmerksamkeitslenkung“ (Dahinden 2018, 67) gesprochen werden. Bestimmte Informationen werden dabei in den Fokus gerückt und zum Teil selektiert dargestellt, um so gezielt die Aufmerksamkeit der Lesenden auf eine bestimmte Perspektive zu lenken.

EINE UNBEQUEME WAHRHEIT – ANGEKOMMEN IM ALLTAG 

Interessant scheint also die Frage, wie der Klimawandel bzw. die Klimakrise im Jahresvergleich Juni 2019 vs. Juni 2020 geframt wird. Mit Blick auf Schlagzeilen unterschiedlicher Medien im Juni 2019 (Abb. 1), wird schnell sichtbar, dass der Klimawandel als Begriff im Alltag angekommen ist, dessen Folgen und Wahrnehmung jedoch nur bedingt ernst genommen werden.


Abbildung 1: Schlagzeilen 2019

Es wird weiterhin hinterfragt, inwiefern der Klimawandel tatsächlich existiert, wenngleich mit dem Begriff des 1,5-Grad-Ziels jongliert wird, der ein maßgebliches Ziel zum Stopp der Klimaerwärmung darstellt. Das „Ja, aber“ soll gestoppt werden – endlich ein Artikel, der sich tatsächlich mit der Klimakrise auseinandersetzt und diese als Krise definiert. Dieser stellt jedoch nur eine Minderheit dar.

Im Juni 2020 können hier schon klarer geforderte Ziele auch in der Berichterstattung als Framing ausgemacht werden (Abb. 2). Es werden Konsequenzen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aufgezeigt und die Dringlichkeit wird hervorgehoben, die trotz der aktuellen Corona-Pandemie nicht außer Acht gelassen werden darf.


Abbildung 2: Schlagzeilen 2020

KLIMAWANDEL EINFACH ZUGÄNGLICH?

RTL stellt für eine große Zielgruppe einen einfachen Zugang zu Unterhaltung und Informationen dar. Neben den Videoinhalten, Streamingangeboten und Boulevard-Schlagzeilen bietet der Sender auf RTL.de ebenso Nachrichten an und informiert – auch wenn danach gezielt gesucht werden muss – über den Klimawandel. Dafür wurde eine eigene Rubrik ins Leben gerufen, die erst einmal erklärt, was unter dem „sogenannten Klimawandel“ (siehe Abb. 3) verstanden wird. Diese Ausdrucksweise zeigt eindeutig ein gezieltes Framing, welches potenziell Zweifel an der wissenschaftlich bewiesenen Klimaerwärmung erheben könnte. Auch hier zeigt sich der Eisbär als klischeehaftes Synonym (Abb. 3).


Abbildung 3: Klimawandel (Quelle: https://www.rtl.de/themen/thema/klimawandel-t9107.html)

2019 – DAS JAHR DES KLIMAAKTIVISMUS

Im Jahr 2019 war Greta Thunberg als Aushängeschild für die Fridays for Future-Bewegung nicht mehr aus der Medienlandschaft wegzudenken, es gab kein Weg an ihr und damit an einem Bewusstwerden über die dramatischen Folgen des Klimawandels vorbei. RTL.de hat sich im Zeitraum Juni 2019 ganz besonders auf Klima-Aktivismus konzentriert und diesen als Framing genutzt. Es wurden explizit die Bewegungen Extension Rebellion und Ende Gelände thematisiert, welche im Gegensatz zu Fridays for Future zum Teil zu drastischeren Mitteln greifen, um sich Gehör für die Rettung des Klimas zu verschaffen. Hier wurden jedoch weniger die nützlichen Forderungen und Hintergründe der Proteste hervorgehoben als dessen teils negativen Auswirkungen – gezielte Beeinflussung oder Unwissenheit über die Beweggründe zur tatsächlich journalistischen Aufklärung? Hinzukommen Artikel (Abb. 4) mit Zitaten wie „Deine Möhren sind nicht wichtiger als unser Klima“, indem sich ein Landwirt über seine zertrampelte Ernte beschwert – zurecht, doch ist dies einen eigenen Artikel bezüglich der Klimaaktivisten*innen wert?


Abbildung 4: Schlagzeilen zu Aktivsten (Quelle: siehe Literaturverzeichnis)

Generell lässt sich erkennen, dass RTL.de nur wenig über den tatsächlichen Klimawandel als solchen und dessen Ursachen und Auswirkungen informiert, sondern vielmehr über die Begleiterscheinungen berichtet, welche die Leser*innen im Alltag betreffen. Die folgende Grafik (Abb. 5) zeigt in diesem Sinne plakative Bilder und Headlines zu dementsprechenden Artikeln aus dem Sommer 2019. Der Eisbär fehlt auch an dieser Stelle nicht.


Abbildung 5: RTL.de Schlagzeilen Klimakrise 2019 (Quelle: https://www.rtl.de/themen/thema/klimawandel-t9107/seite-5.html)

Auch wenn sich darüber streiten lässt, inwiefern das Framing, welches RTL.de einsetzt, tatsächlich einen informierenden und weiterbildenden Charakter aufweist, steht das Bewusstwerden im Vordergrund. Das Bewusstwerden darüber, dass sich das Klima wandelt und sich auch die Leser*innen über diesen Wandel klar werden müssen. Die oben gezeigte Headline Merkels „Wir müssen wachsam sein!“ unterstreicht diesen Appell und leitet gleichermaßen einen Wandel des Denkens über unsere Umwelt ein. Doch inwiefern unterscheidet sich die Berichterstattung heute zu der von vor einem Jahr?

2020 – BITTERE ERKENNTNISSE
Das Jahr 2020 wird in die Geschichte eingehen. Die Corona-Pandemie stellt jegliche andere Berichterstattung in den Hintergrund. Darüber hinaus gehen vor allem in Juni 2020 die Proteste unter dem Motto „Black Lives Matter“ viral. Das Corona-Virus ist allgegenwertig und hat auch bei RTL.de einen eigenen Reiter auf der Startseite – im Gegensatz zu der weiterhin bestehenden Klimakrise. Doch scheint 2020 diese neue Corona-Krise auch die Klimakrise in ein anderes Licht zu stellen. Auch wenn die Infografik über die „sogenannte Klimakrise“ bei RTL.de bleibt, hat sich die Berichterstattung verändert. Schlagworte wie Warnung und Wasserkrise werden genutzt und gezielt inszeniert (Abb. 6).


Abbildung 6: RTL.de Schlagzeilen Klima Auswirkungen 2020 (Quelle: siehe Literaturverzeichnis)

Der Klimawandel scheint nun anerkannt worden zu sein und wird auch als solcher bezeichnet, selbst wenn er nicht als Krise per se definiert wird. Beispielsweise der Artikel „Bringt der Klimawandel eine Wasserkrise nach Deutschland?“ zielt auf die Leser*innen von RTL.de ab. Zumindest so weit, dass sie tatsächlich von der Erderwärmung betroffen sein könnten, nur dass dieser nicht mehr nur den Eisbären in der Arktis beeinflusst, sondern den Wasserhaushalt in Deutschland. Ebenso wie die Jahreszeiten beeinflussbar seien, was sich auch direkt auf die Rezipierenden auswirkt. Die Ernsthaftigkeit der Klimakrise ist somit unbestreitbar und im Gegensatz zum Juni im Vorjahr wird konkret auf die Auswirkungen eingegangen. Gleichzeitig scheint es, als ob händeringend nach Ursachen gesucht wird, die wenig mit dem Einfluss des Menschen zu tun haben mögen. Die untere Abbildung zeigt eine Reihe von Artikeln, die welche im Zusammenhang mit der Klimakrise im Sommer 2020 auf RTL.de veröffentlicht wurden.


Abbildung 7: RTL.de Schlagzeilen Klimakrise 2020 (Quelle: https://www.rtl.de/themen/thema/klimawandel-t9107.html)

Biber, Regenwürmer und arktische Winde dienen als Frames und als Schuldige für den Klimawandel. Sicherlich können auch in diesem Zusammenhang Erkenntnisse belegt werden, die den Wandel des Klimas mit bedingen, jedoch stellt sich auch hier die Frage, ob eine Aufklärung über Maßnahmen nicht sinnvoller sei.

FAZIT

Der einsame Eisbär als Symbol des Klimawandel, so abstrakt dieser auch erscheinen mag, ist buchstäblich im Wohnzimmer der Leser*innen angekommen. Anhand der Recherche und belegter Beispiele konnte so ein deutlicher Unterschied im Framing über den Klimawandel und der Klimakrise im Juni 2019 und Juni 2020 herausgearbeitet werden. Im Jahr 2020 scheint die Ernsthaftigkeit und die Dringlichkeit endlich auch in der gezielten Berichterstattung angekommen zu sein. Es wird nicht mehr primär auf hypothetische Gefahren, das Hinterfragen, ob der Klimawandel tatsächlich stattfindet und Klimaaktivismus eingegangen, sondern drastische Ursachen und Auswirkungen dargestellt. Jedoch steht die Berichterstattung trotz allem weit im Schatten hinter den Berichten über die Corona-Pandemie, welche ohne jeden Zweifel als akute Krise eingestuft wird. 

Die Klimakrise wird auch bei RTL.de 2020 auf eine andere Art und Weise geframt, als es 2019 noch der Fall war. Neben der Bewusstseinsschaffung wurde nun auch die Ernsthaftigkeit der Krise hervorgehoben, auch wenn diese teilweise noch mit fragwürdigen Ursachen belegt wurde. Trotz dessen besteht durch den Wandel der Art und Weise der Berichterstattung und der Wahl der Headlines die Hoffnung, dass RTL.de so ihre Zielgruppe dazu bringt, sich näher mit der Thematik auseinander zu setzen und tatsächlich zum Umdenken anzuregen.

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