Wie berichten Journalist*innen im Spiegel über den Klimawandel?

Von: Jacqueline Banford

Es ist das Jahr 2019. Der Spiegel verarbeitet noch den Betrugsfall Claas Relotius, der
Ende 2018 ans Licht gekommen ist. Ganz nach dem Motto “Sagen, was ist.”, welche
die Eingangshalle des Hauptquartiers des umsatzstärkstens wöchentlichen
Nachrichtenmagazins Deutschlands schmückt, arbeitet sich der Spiegel auch in
diesem Jahr an den großen aktuellen Themen der Weltgeschichte ab. Als Jahr der
Proteste geht es in die Spiegel-Chronik ein: die Einwohner Hongkongs gehen auf die
Straße im Kampf gegen ihre eigene Regierung, die deutsche Kapitänin Carola
Rackete wird zur Ikone einer humanen Flüchtlingspolitik, Fridays for Future zu einer
weltweiten Protestbewegung. Notre-Dame geht in Flammen auf, der YouTuber Rezo
liest der CDU die Leviten. Und währenddessen sorgen immer wieder
klimakatastrophale Ereignisse für zumindest kleine Buschfeuer der Aufmerksamkeit
in den Medien: die geplante Rodung des brasilianischen Amazonasgebietes für
Bergbau, Rinderzucht und Farmer (Blasberg et al., 2019), missglückte
Recyclingpolitik in Deutschland (P. Bethge, Bruhns, et al., 2019) oder
Insektenschwund (Bredow et al., 2019). Wie berichtet also nun der Spiegel über den
Klimawandel? Welche Begriffe und Bilder werden verwendet? Auf wen wird sich
berufen? Welche Expert*innen kommen zu Wort? Wie lauten die Schlagzeilen, wenn
es um das Klima geht?
Die Titelbilder
Der Spiegel ist bekannt für seine teils kontroversen, immer jedoch Aufmerksamkeit
erregenden Cover. Wie oft wird also in einem Jahr der Klimakatastrophen das
Titelbild diesem globalen Thema gewidmet? Die Antwort ist ernüchternd: gerade mal
ein Titelbild im gesamten Jahr mit über 52 Ausgaben wird im entfernten Sinne dem
Klimawandel gewidmet. Heft 36/2019 trägt die Coverstory: “Sind wir noch zu retten?

Wie viel WALD der Mensch zum Überleben braucht” (Moriyama, 2019). Ein erstes
Indiz vielleicht, wie wichtig der Spiegel den Themenkomplex des Klimawandels
insgesamt einschätzt?

Zwischen Boris Johnson und Ossis: Das Titelbild der Spiegelausgabe 37/2019 (Screenshot von
https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2019.html, 4.Juni 2020)

Berichtfrequenz

Der Spiegel erscheint regulär 52 Mal im Jahr, wöchentlich. Dabei werden nationale
wie auch internationale Themen abgedeckt. Wirtschaft, Sport, Wissenschaft und
Kultur sind ebenfalls feste Themen, ein Heft hat um die 130 Seiten. Dabei ist der
Spiegel in 2019 die umsatzstärkste Publikumszeitschrift in Deutschland (Schröder,

2020). Im Jahr 2019 wurde der Begriff “Klimawandel” in insgesamt ca. 200 Artikeln
erwähnt. Hierzu zählen auch Leserbriefe, Interviews und Essays. Unter anderem wird
berichtet über Finnlands Streben nach Klimaneutralität (R. Thelen, 2019b), das
Klimapaket der deutschen Regierung (Heyer et al., 2019), es gibt ein Interview mit
dem Autor Jonathan Safran Foer zu seinem Klimabuch (Oehmke, 2019b), einen
Bericht über den Umgang der AfD mit dem Klimawandel (Deleja-Hotko et al., 2019),
Interviews mit Bundesumweltministerin Svenja Schultze (Knobbe & Traufetter, 2019)
und David Attenborough (Goos & Schindler, 2019) sowie Artikel über die Proteste der
Extinction Rebellion-Bewegungen (Neufeld, 2019). Auch ein Profil über Greta
Thunberg wird abgedruckt (Oehmke, 2019a). Interessanterweise führen diese
Proteste und Demonstrationen aber nicht dazu, dass im Spiegel über den
Klimawandel berichtet wird, heißt: das Thema der Klimaaktivistinnen wird nicht aufgegriffen. Vielmehr arbeiten sich die Autorinnen an den Demonstrationen selber
ab. Dies bestätigt allerdings auch nur die These, dass (Massen-)Medien häufig nicht
die Thematik selber von Protestbewegungen aufnehmen, sonder es bevorzugen,
über den Protest selbst und das Spektakel drumherum zu berichten (Donson et al.,
2004). Erst gegen Ende des Jahres nimmt die Berichterstattung zu Klimathemen zu.
Konkrete Artikel zum Thema Klimawandel allerdings lassen sich an zwei Händen
abzählen: mit der Thematik der Erderwärmung und den Auswirkungen, welche diese
für das Klima und die Welt hat, befassen sich gerade mal zwölf Artikel. Dass das
Thema allerdings doch in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint,
könnte die Reihe “Nachhaltig leben” andeuten. Diese erscheint in zehn Ausgaben
und befasst sich mit unterschiedlichen Aspekten des Klimawandels. Betrachtet
werden hier das Verhalten der Konsument*innen und wie dieses geändert werden
kann, welche Unternehmen umdenken sowie was die Politik tun muss. Die Serie erscheint als Sommerserie. Ob dies nun der Tatsache geschuldet ist, dass der Sommer 2019 ein weiterer Hitzesommer war oder um das gefürchtete Sommerloch zu stopfen, kann hier nicht abschließend geklärt werden.

Wortwahl

Wenn im Spiegel nun über den Klimawandel berichtet wird, welches Vokabular wird
dann gewählt? Betrachtet man die 12 Artikel aus dem Jahr 2019, welche sich direk
mit dem Klimawandel befassen, so stellt man fest: der Spiegel bevorzugt immer noch
den Begriff Klimawandel. Während andere internationale Nachrichtenmedien wie der
Guardian die Wortwahl der Notlage der Klimasituation angepasst haben, bleibt der
Spiegel beim traditionellen Vokabular: Klimawandel, Erderwärmung. Von einer
Klimakrise, wie im Guardian, ist kaum die Rede. Ebenso wird weiter von einer
Erderwärmung und nicht Erderhitzung gesprochen. In Ausgabe 22/2019 erscheint
sogar eine Kolumne von Jan Fleischhauer mit dem Titel “Grüner Neusprech”. In
diesem kurzen Beitrag kommentiert Fleischhauer die redaktionelle Entscheidung des
Guardians, die Mitarbeiter*innen anzuleiten, welche Wörter zu benutzen seien, sehr
kritisch. Ob sich hier auch die linguistische Meinung der Chefredaktion des Spiegel
widerspiegelt?

Die Bilder des Klimawandels

Als wöchentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin nutzt der Spiegel in seinen
Reportagen oft großformatige Farbbilder. Bei Reportagen zum Klimawandel verhält
sich dies nicht anders. So sind im Artikel “Die große Schmelze” (Grolle, 2019) über
zwei Drittel der ersten beiden Seiten driftendes Eis mit dem Forschungsschiff
“Polarstern” mittendrin großflächig abgebildet. Der Artikel “Walduntergang” (P.
Bethge, Glüsing, et al., 2019) widmet einem Bild von brennenden Wäldern im
Amazonasregenwald sogar fast die gesamten ersten beiden Seiten. Nur eine Spalte
Text erscheint hier auf der zweiten Seite des Artikels.

Solche dramatischen Motive sind auch Motive der Wahl für Artikel über den
Klimawandel im Spiegel. Durchaus angebracht, aber gezielt schockierend sind unter
Sanddünen begrabene Oasen (R. Thelen, 2019a), ausgetrocknete Seen (M. Evers,
2019), verdorrte Weideflächen in Australien (Evers et al., 2019) und
Gletscherschmelzen (Dworschak, 2019) eingesetzt. Die Bilder rufen natürlich
Betroffenheit bei Leser*innen hervor, sind aber immer auch auf ihre Art und Weise
ästhetisch ansprechend. Der Spiegel setzt auch gerne Grafiken und Karten ein. Sie
werden sparsamer eingesetzt als Bilder, helfen aber oft, den Text in Kontext zu
setzen oder Fakten zu visualisieren.

Welche Expertinnen kommen zu Wort?

Zum Thema Klimawandel haben im Jahr 2019 eine Vielzahl von verschiedenen Persönlichkeiten Meinungen, welche im Spiegel dankbar wiedergegeben werden. Darunter finden sich viele Politiker, unter anderem FDP-Chef Christian Lindner, (Schult & Weiland, 2019), aber auch Ökologen wie Ulrich Eichelmann von der Umweltorganisation Riverwatch (Philip Bethge, 2019) und natürlich Klimaaktivistinnen wie Roger Hallam (Backes & Thelen, 2019) oder Luisa Neubauer
(Traufetter & Amann, 2019), sowie Autoren wie Jonathan Safran Foer (Oehmke,
2019b) als auch Tierfilmer und Forscher Sir David Attenborough (Goos & Schindler.
2019). Die Aussagen dieser Individuen erscheinen allerdings oft in anderen
Kontexten, sei es politisches Agenda Setting, Erklärartikel zu spezifischen Themen
des Klimawandels wie das Insektensterben, die Klimaproteste aus dem Jahr 2019
oder Popkultur wie die Erscheinung des Klimabuches von Jonathan Safran Foer. In
den zwölf spezifisch sich um das Thema Klimawandel drehende Artikel kommen nur
tatsächliche Expertinnen zum Thema Klima zu Wort. So trägt Klimaforscher Hans von Storch gleich zwei Artikel im Jahr 2019 bei, in welchen er sich allerdings recht kritisch gegenüber der “Klimahysterie” stellt (Stampf, 2019a; Stampf. 2019b). Aber auch Deutschlands erste und einzige Professorin für Klimawandel und Gesundheit Sabine Gabrysch kommt in einem deutlich alarmierenderen Artikel zu Wort, in dem zu mehr Eigenaktion des Individuums aufgerufen wird (Evers et al., 2019). Weitere Expertinnen, denen Aufmerksamkeit geschenkt wird, sind z.B. ein Forstwirt namens
Klaus Borger, der im Artikel zum Waldschwund zu Wort kommt (P. Bethge, Glüsing,
et al., 2019), oder Polarforscher wie Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in
Bremerhaven (Grolle, 2019). Insgesamt untermauern die Journalistinnen des Spiegels ihre Recherche für die Artikel durchaus mit vertrauenswürdigen Quellen und lassen Klimawandelskeptikerinnen nicht zu Wort kommen.

Fazit

Insgesamt hält sich der Spiegel bei der Berichterstattung zum Klimawandel recht
bedeckt. Das Thema nimmt keinesfalls einen großen Anteil der Berichterstattung i
Anspruch, auch wenn das Wort zumindest oft erwähnt wird. Es kommen Expertinnen zu Wort, die aber nicht immer kritisch oder alarmierend sind. Die Artikel erscheinen in den Ressorts Wissenschaft, Ausland und einmal Deutschland sowie sogar einmal als Titel. Dies erweckt den Eindruck, dass es sich für den Spiegel zwar um ein durchaus wissenschaftlich zu betrachtendes Thema handelt, dieses aber hauptsächlich doch ein Problem im Ausland ist. Die Überschriften der Artikel sind wenig reißerisch, wenn aber doch leicht dramatisch: “Apokalypse jetzt”, “Die neue Heißzeit”, “Verbrannte Erde”, “Die große Schmelze”, “Walduntergang” sowie “Planetare Notlage”. “Bedrohung aus dem Eis” ist in dieser Reihe wahrscheinlich noch die fragwürdigste Überschrift, da diese wenig seriös daherkommt und eher wie der Titel eines skandinavischen Krimis klingt. Insgesamt wird eine durchaus ausgewogene Berichterstattung angeboten, wenn auch dem Thema entsprechend nicht häufig genug. Die Serie zum Thema Nachhaltigkeit kann als positives Beispiel angesehen werden, auch wenn die Sprachwahl im Spiegel durchweg konservativ bleibt. Dies kann aber auch der Leserschaft des Spiegels geschuldet sein: Spiegel-Leserinnen
sind im Großteil über 40 Jahre alt, arbeiten als Freiberufler oder in
Führungspositionen, oft auch als Beamte. Das Bildungsniveau ist vergleichsweise
hoch ebenso wie das monatliche Haushaltseinkommen (Schröder, 2019). Dass diese
Leserschaft ungern ihren Lebensstil, welcher letztendlich die jetzige Klimakrise
mitverursacht hat, kritisiert haben möchten sowie dies auch noch unter ihre Nasen
gerieben bekommen wollen, ist verständlich. Der Spiegel schützt sich mit diesem Stil
der Berichterstattung somit nur weiter vor noch stärker sinkenden Auflagenzahlen.

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