Der Umgang von alternativen Medien mit der Klimakrise, beziehungsweise der Coronavirus-Pandemie am Beispiel von netzpolitik.org

Von: Lisa Kaufmann

„Mit netzpolitik.org beschreiben wir, wie die Politik das Internet durch Regulierung
verändert und wie das Netz Politik, Öffentlichkeiten und alles andere verändert. Wir
verstehen uns als journalistisches Angebot, sind jedoch nicht neutral.“


Mit diesem kurzen Auszug aus der Selbstbeschreibung der Plattform netzpolitik.org
sind bereits mehrere Merkmale der vier Dimensionen von alternativen Medien nach
Holt, Figenschou und Frischlich abgedeckt. In unserem Informationszeitalter rund um
Fake News und Internetpropaganda sowie der Möglichkeit für jede*n, alles
Erdenkliche zu veröffentlichen, sind diese immer wichtiger, aber auch immer
umstrittener geworden. Eine negative Assoziation der „alternativen Medien“ hängt
vermutlich unter anderem mit dem Unwort des Jahres 2017 „Alternative Fakten“
zusammen. Doch auch wenn die Verbindung dieser Termini in manchen Fällen sogar
gerechtfertigt wäre, sollte dies einer gründlichen Differenzierung verschiedener
Angebote nicht im Wege stehen. In diesem Essay wird netzpolitik.org genauer
vorgestellt und sich der Frage gewidmet, wie diese Plattform als Alternative zu
Mainstream-Medien mit der Corona- und Klimakrise umgeht.

Die Struktur hinter netzpolitik.org

Die sich seit über 14 Jahren weiterentwickelnde Plattform setzt sich zum
Schwerpunkt, über „politische, gesellschaftliche, technische und kulturelle
Fragestellungen auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft“ in Hinblick auf digitale
Rechte zu berichten. 2 Die Mischung aus den allgemein gehaltenen Bereichen in
Verbindung mit dem Fokus auf „digitale Rechte“ gibt der Plattform einen roten Faden,
der sich vielfältig durch alle Perspektiven auf eine Gesellschaft ziehen lässt. Auf den
ersten Blick verortet man die Themenkomplexe „Klima“ und „Corona“ möglicherweise
nicht im Bereich digitaler Rechte. Auf den zweiten Blick wird jedoch deutlich, dass
eben gerade die Komplexität dieser Themen die Notwendigkeit mit sich bringt, diese Bereiche zusammenzudenken. Was findet heute schließlich nicht mehr im digitalen
Raum statt?

Mit einem Team von 16 festen Mitwirkenden aus verschiedenen Fachgebieten,
wobei der größte Teil der redaktionellen Arbeit nachzugehen scheint, bildet
netzpolitik.org die Basis für die Berichterstattung. Ausdrücklich erwähnt wird jedoch
auch die Zuarbeit der Community, bestehend aus Menschen, Organisationen und
Unternehmen, die „die Redaktion ideell, thematisch, publizistisch oder finanziell“ 3
unterstützten. Potenzieller Teil des sogenannten „netzwerk[s]“ wird, wer die Plattform
mit einer Spende unterstützt – dabei handelt es sich um die Haupteinnahmequelle
der Organisation. Dies kann dem monatlich selbst veröffentlichten
Transparenzbericht entnommen werden, in dem aufgezeigt wird, in welcher Höhe
und zu welchen Anteilen sich die Ein- wie Ausgaben der Plattform zusammensetzen.
Einen weiteren, vergleichsweise kleinen Teil mache, zum Beispiel im Februar, die
Lizensierung von Inhalten aus. 4 Die Generierung von Mitteln durch Werbeanzeigen
auf der Website oder Paid Content gehört dabei nicht zum Finanzierungsmodell.
Neben dem Ausweis der Ein- und Ausgaben wird auch die Höhe des jährlichen
Spendenziels kommuniziert.

Der Vertrieb der Inhalte von netzpolitik.org erfolgt ebenso digital, wie die inhaltliche
Schwerpunktsetzung selbst. Neben dem „netzwerk“-Verteiler und der Website selbst,
über die auch der ansonsten über E-Mail zu erhaltende Newsletter abrufbar ist,
scheint die Präsenz im Spektrum der sozialen Medien selbstverständlich – obwohl
und/ oder gerade weil diese besonders oft im Fokus der Berichterstattung des
Portals stehen. Facebook, Twitter und Instagram bilden jedenfalls einen festen
Bestandteil der Kommunikationsstrategie. Darüber hinaus bietet das Portal einen
Podcast an, der zwei verschiedenen Strukturen nachgeht: Zum einen stünden
Interviews und Themenschwerpunkte im Vordergrund, zum anderen beleuchte die
Sparte „NPP Off The Record“ die Reportagen und Recherchen mit Einblicken in die
redaktionelle Arbeit des Teams. 5 An der Stelle zeigt sich noch einmal der Wert, den
das Portal der eigenen transparenten journalistischen Arbeit zuzuschreiben scheint.

netzpolitik.org und die Corona-Pandemie

Im Vergleich des Umgangs mit der Klima- und Coronakrise wird auf den ersten Blick
schon einmal klar: Eine Corona-Sonderseite gibt es auch von netzpolitik.org. Wenn
auch der Gesamteindruck des Nachrichtenportals keineswegs reißerisch ist, sticht
der Banner mit dem Titel „Netzpolitische Corona-Chronik“ in leuchtendem netzpolitik-
Blau aus den anderen Startseiten-Artikeln hervor – doch erst, wenn man ein wenig
scrollt. Holt man sich auf dieser Seite die brandaktuellen News rund um die
Pandemie? Wohl kaum. Stattdessen macht sich auch hier der eingangs erwähnte
rote (oder blaue) Faden des Framings des Portals bemerkbar: Ziel sei eine
Beleuchtung der Krise unter netzpolitischen Gesichtspunkten in Verbindung mit
(digitalen) Grundrechten. Dass es dabei nicht vorrangig um eine Berichterstattung
über eskalierende Demonstrationen vor dem Bundestag geht, bei denen das
Grundgesetz medienwirksam in die Kamera gehalten wird, wird schnell deutlich.
Digitale Kontaktverfolgung mit Tracing-Apps, Datenspenden und verschärfte
Überwachungsmethoden weltweit bieten ohnehin ausreichenden Stoff, um diesem
Fokus Inhalte folgen zu lassen.

Bei genauerer Betrachtung der Sonderseite fällt auf, dass zwischen dem letzten
Stand dieser Untersuchung und dem zuletzt erschienenen Artikel auf der Seite circa
eine Woche vergangen ist. Dies erscheint mittlerweile wie eine halbe Ewigkeit –
gerade „in Zeiten von Corona“. Hier zeigt sich ein großer Unterschied zu vielen
Mainstream-Medien, die es sich größtenteils zur Aufgabe gemacht haben,
permanent, rund um die Uhr, Updates zur Pandemie zu senden und das unabhängig
davon, ob wirklich neue Informationen bereitstehen oder nicht. Hat netzpolitik.org mit
der Sonderseite zur Corona-Pandemie nun zu viel versprochen? An der Stelle sei
angemerkt, dass es nicht „Corona-Ticker“ heißt, sondern „Corona-Chronik“. Die
ständige Präsenz des Portals zu dieser Thematik ist damit nicht gegeben. Dafür kann
man auf einen Pool zurückgreifen, der in zweifacher Hinsicht gefiltert wurde und
somit eine gezielte Anlaufstelle für Informationen zur „digitalen Corona-Krise“
bereitstellt. Dass die Corona-Krise einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit und
auch die Grundrechte hat, lässt sich im Narrativ der Seite erkennen. Die Krise wird
als allgegenwärtig wahrgenommen. 6 Einen Teil dazu trägt sicher auch die „Corona-
Chronik“ bei, sie liefert jedoch auch das Warum und setzt sich dabei eigene Grenzen
und Qualitätsmerkmale der Berichterstattung durch die Schwerpunktsetzung.

netzpolitik.org und die Klimakrise

„Netzpolitik bringt nichts, wenn die Ökosysteme kippen“ 7 heißt es in dem Artikel
„Warum sich netzpolitik.org am Klimastreik beteiligt“. Vergleicht man die Präsenz der
Klimathematik jedoch mit der der Corona-Pandemie auf der Seite von netzpolitik.org
fällt schnell auf, dass kein Banner, kein direkter Link zu einer Themenrubrik auf der
Startseite vorhanden ist. Der Gesamteindruck wäre sicher anders, würde dort gerade
auf einen aktuellen Artikel hingewiesen werden. Doch um den Stellenwert und das
damit verbundene Framing der Klimakrise für das Portal erahnen zu können, muss
zunächst die Suchfunktion bedient werden. Schließlich wird man fündig. Der
eingangs zitierte Artikel lässt kaum eine Frage offen, für wie relevant und dringend
das Portal die Proteste der „Fridays for Future“-Bewegung rund um den Klimawandel
hält. In diesem Zusammenhang habe es einen ganzen Thementag gegeben.
Innerhalb des Artikels sind auch weitere Online-Portale verlinkt, die sich
ausschließlich mit dem Klimawandel und der Organisation von Demonstrationen und
Streiks auseinandersetzen, zum Beispiel klima-streik.org. Der Eindruck, die
Klimakrise spiele auf netzpolitik.org selbst eine eher sekundäre Rolle, drängt sich
dennoch, oder vielleicht gerade deswegen auf. Liest man weiter, stößt man dann
doch auf eine Schnittstelle, die explizit Digitales und die Klimakrise zusammenbringt:
Die Bewegung „Bits und Bäume“ 8 . Dieser fühle man sich „verbunden“. 9 Was sich
dahinter verbirgt, kann man erfahren, wenn man einer erneuten Verlinkung folgt.
Diese führt zwar nicht auf die Website der Organisation selbst, man stößt aber auf
eine ganze Auswahl an Artikeln, die Digitalisierung, Klimawandel und Netzpolitik in
einem Atemzuge nennen. Endlich. Dabei handelt es sich um einen Mix aus eigenen
und Gastbeiträgen. Um zu diesem Thema zu gelangen, waren nun recht viele
Schritte notwendig – darüber zufällig stolpern wird man nicht. Wenn Forscher*innen
immer eindringlicher davor warnen, „dass der technologische Fortschritt nicht dazu
beiträgt, die Klimakrise zu lösen, sondern sie befeuert“ 10 , wie Markus Beckedahl,
Mitbegründer des Portals, im Artikel unterstreicht, steht diese Website-Struktur zur
Klimakrise in einem Widerspruch dazu. Auch das Herausstellen, netzpolitik.org gehe
für das Klima auf die Straße, wirkt irgendwie wie ein Fremdkörper. Warum wird gerade an dieser Stelle das analoge Engagement unterstrichen (Solidarisierung mit FFF 11 hin oder her), wenn digital mit wenigen Klicks im Backend eine deutliche Verbesserung der Informationslage hergestellt werden könnte? Die Informationen
und eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Klimakrise sind doch da. Man
findet sie nur nicht. Etwas mehr Präsenz wäre an der Stelle nicht reißerisch, sondern
benutzerfreundlich.

Fazit

Der Auftritt von netzpolitik.org wirkt insgesamt etwas leiser, als man es von vielen
Mainstream- aber auch vielen alternativen Medien kennt. Besonders in Verbindung
mit den angesprochenen Krisen scheint dies jedoch ein genau richtiger und
erfrischender Weg zu sein, da das Gefühl von Sorgfalt und Besonnenheit vermittelt
wird. Auf der einen Seite werden Erkenntnisse dargestellt, die durch die
Schwerpunktsetzung des Portals tiefer greifen als die allgemeine Berichterstattung
und somit neue Perspektiven eröffnen. Auf der anderen Seite werden die
allgemeineren, teils sehr aktuellen, Informationen ausgespart. Eine ständige
Begleitung während der Krisen durch netzpolitik.org ist somit nicht gegeben. Die
positive Folge ist hier allerdings, dass die substanzielleren Informationen nicht unter
einer Flut von neuen Meldungen untergehen.

Inhaltlich liegen die von netzpolitik.org beigemessenen Grade der Relevanz beider
Krisen gar nicht so weit auseinander. Dies könnte sich aber deutlicher auf den ersten
Blick in den Strukturen des Portals zeigen. Die eine für die andere Krise medial fallen
zu lassen, können alle. Dass das bei netzpolitik.org nicht der Fall ist, könnte
eindringlicher unterstrichen und sich somit noch stärker von vielen anderen
(Mainstream-)Medien abgesetzt werden.

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